Autor Thema: Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)  (Gelesen 14606 mal)

Laoin

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #30 am: 29. Dezember 2003, 11:37:13 »
Das große Arbeitszimmer des kürzlich auf so schmerzhafte Art dahingeschiedenen Lord Albron wimmelte vor Templern, die die dort befindlichen Regale und Schränke durchwühlten. Der Barde Duncon nahm Buch um Buch aus einem Regal, blätterte die Bände durch und sortierte sie, indem er sie auf dem Boden aufstapelte. Gelegentlich fischte er einzelne Blätter aus einem Buch, die er gesondert beiseite legte. Als Algon und Teslin erregt in das Zimmer stürzten, um den Gildenoberen von ihrer Entdeckung zu berichten, stürzten sie natürlich prompt in ihrer Aufregung über einen der Bücherhaufen. Fluchend rappelten sie sich wieder auf. Sie wollten sofort weitereilen zum großen Schreibtisch, am anderen Ende des Zimmers, um den herum einige der älteren Gildenmitglieder und Anführer versammelt waren und heftig diskutierten. Doch Duncon pfiff sie zurück. „Ihr wollt das Chaos, das ihr hier angerichtet habt, doch wohl nicht so liegen lassen, Jungs, oder?“ Grummelnd machten sich Algon und Teslin daran, die Bücher wieder aufzuschichten.

„Was sucht Ihr eigentlich, Meister Duncon?“, fragte Teslin. „Das wissen wir auch noch nicht so genau. Noxx und Vitra mit ihren besonderen Kenntnissen von Beschwörungen suchen nach allen Unterlagen, die Hinweise auf die Rituale der Seoltoir geben. Ich gucke, ob ich eher ‚weltliche‘ Hinweise auf die Verschwörung finde. Bislang aber noch nicht sehr erfolgreich.“

Algon grinste und legte das letzte Buch auf den Haufen. „Vielleicht haben wir etwas gefunden.“ Er sammelte die beiden Abrechnungsbücher, die sie aus dem Keller und dem Rechnungszimmer der Seoltoir geborgen hatten, vom Boden auf und trat zu der Gruppe von Dunklen Templern, die um den Schreibtisch versammelt waren.

Rimbald, der Firbolg-Hüter, las gerade aus einem Brief vor, den man offenbar im Schreibtisch gefunden hatte.

„...kennt Ihr die Macht unserer Organisation, Lord Albron. Lasst es Euch gesagt sein: wir kennen Euer dunkles Geheimnis. Aber uns stehen Mittel zur Verfügung, den Schleier von Euren Fälschungen zu reißen. Wir werden nicht rasten, bis der Beweis erbracht ist. Und dann werdet Ihr stürzen.“

Rimbald blickte auf. „Keine Unterschrift. Aber das Zeichen, das unter den Brief gemalt ist, kennen wir ja inzwischen.“ Er hielt das Schreiben hoch, so dass alle es sehen konnten. Dort prangte unübersehbar der Baum Hibernias mit den schützend darüber gelegten Händen. „Das Symbol von ‚Caim en ceven‘“, murmelte Großmeister Laoin. „Was ich nicht verstehe“, sagte der Lurikeen-Beschwörer und kratzte sich am fast kahlen Schädel, „das ist das Wort ‚Fälschungen‘. Von was für Fälschungen ist da die Rede?“ Die Templer um ihn herum zuckten ratlos mit den Schultern.

Da sah Algon seine Chance gekommen. „Verzeiht, aber vielleicht kann ich da weiterhelfen.“ Die Versammelten drehten sich um und starrten ihn an. „Ja, Algon?“, fragte Meister Rimbald.

„Darf ich?“ Algon wischte mit einem Arm die auf dem Schreibtisch aufgestapelten Schriftstücke beiseite und legte das Abrechnungsbuch aus dem Rechnungszimmer auf den Tisch. „Dieses Buch haben wir in dem Zimmer gefunden, in dem die Abrechnung der Einnahmen der Seoltoir aus ihren Portalzaubereien verwaltet wurden.“ Er schlug das Buch auf und zeigte den Umstehenden die einzelnen Positionen. „Hier könnt Ihr sehen, welche Einnahmen die Portalzauberer abgerechnet haben. Hier ist Druim Ligen, dort Domnann und so weiter.“ Rimbald nickte. „In Ordnung. Und was sagt uns das jetzt, außer, dass die Seoltoir Tag für Tag viel Geld einnehmen?“ Algon grinste ihn an. „Noch nichts, Euer Eminenz. Nur leider sind diese Zahlen eine Fälschung.“ „Wie bitte?“ Die versammelten Dunklen Templer starrten Algon an. Mit einer wichtigtuerischen Geste legte Teslin das Buch aus dem Keller neben das andere Buch und verkündete: „Dieses sind die richtigen Zahlen.“ Er schlug die Seite auf, die vom Datum her dem in dem offiziellen Abrechnungsbuch entsprach und zeigte auf die dort verzeichneten Zahlen. Rimbald keuchte erstaunt auf, als er die Zahlenkolonnen sah. „Das gibt es doch gar nicht. Wo habt ihr das Buch her?“ Algon erklärte es ihm.

Eine Weile war es still. Dann brummte der Firbolg-Druide Zardozz, der einer der versammelten Templer war: „Diese Hurensöhne haben die Monster nur beschworen, weil sie von Caim en ceven entdeckt worden sind. All diese Toten nur, um ihre Unterschlagungen zu verschleiern.“ Doch Feevlaerna, ein Lurikeen-Eldritch, der neben ihm stand, schüttelte den Kopf. „So war es nicht ganz, glaube ich, Zardozz. Die Frage, die sich doch stellt, ist: wozu haben die Seoltoir das ganze Geld benutzt? Und ich glaube, die Antwort ist ziemlich offenkundig. Diese Rituale zur Beschwörung von Monstern aus dem Abgrund der Finsternis müssen immens teuer gewesen sein. Überlegt mal, welche Fokussteine und sonstigen magischen Gegenstände eingesetzt worden sind. So etwas kostet Geld, viel Geld. Ich glaube, dass dieser Lord Albron das Geld aus seinen Unterschlagungen benutzt hat, um seine geheimen, widerwärtigen Forschungen zu betreiben. Und als ihm Caim en ceven auf die Schliche gekommen ist, da hat er seine gewonnenen Kenntnisse genutzt, um ihnen einen Dämon auf den Hals zu hetzen.“

Großmeister Rimbald nickte langsam. „Das hört sich logisch an.“ Dann blickte er seine Kameraden an. „Und nun ist es, denke ich, an der Zeit, den Hohen Rat von Hibernia und die Reichswache zu informieren. Aber vorher sollten wir uns eine gute Argumentation überlegen, warum wir in das Gildenhaus einer der angesehensten Zünfte unseres Reiches eingedrungen sind und ihren Anführer und zahlreiche Angehörige dieser Zunft getötet haben...“

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Dunkle Templer. Meine Gilde!

Laoin

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #31 am: 29. Dezember 2003, 14:41:20 »
„Der Wind aus dem Norden eisig weht,
über Wälder und Wiesen sein Odem geht.
Lässt alles erstarren mit seinem Hauch,
ob Blatt oder Blume, ob Baum oder Strauch.

Schaudernd duckt sich Getier und Vieh,
zitternd vor Kälte wie vormals nie.
Des Eises Frost dringt in Mark und Bein,
schleicht sich auch in der Menschen Hütten ein.

Grimmig glitzert des Winters Pracht,
verhüllt aber doch nicht die Zeichen der Schlacht.
Rot färbt Blut den Schnee und das Eis,
ist für Tod und Verderben der grausam Beweis.

Der Tod, er erhob seinen blutigen Zoll
von Valkyn und Kobold, von Nordmann und Troll.
Sie liegen erschlagen in Midgards Gefilden,
von der größten von allen unter Hibernias Gilden.

Jammernd vor Angst sie schauten das Zeichen
der Dunklen Templer und wollten rasch weichen
vom Schlachtfeld voll Furcht, doch wollt’s nicht gelingen
zu rasch ereilt‘ sie der Barden Singen.

Der Zauber hielt sie, fast wie mit Ketten.
Da ahnten sie bald: nichts würde sie retten.
Mit Blitz und mit Feuer, mit Schwert und mit Lanze
die Templer forderten zum blutigen Tanze.

Bald klang die Luft vom Jammern und Klagen,
die Helden Midgards, sie wollten verzagen.
Wie das Korn mäht der Bauer, das goldne, helle,
so erschlugen die Templer sie an jener Stelle.

Der Kampf ist vorbei und Schweigen kehrt ein.
Und nur der Wind fährt kalt ins Gebein.
Noch immer er aus dem Norden weht,
eisig und grausam sein Odem geht.

Und langsam bedeckt er das Grauen mit Schnee,
verbirgt Midgards Schande und Ach und Weh.
Die Templer zieh’n weiter, wie Nebel am Morgen.
Der Feinde Schrecken und Angst und Sorgen.“

Begleitet vom donnernden Applaus der versammelten Edlen Hibernias beendete der Elfen-Barde sein Lied mit einer formvollendeten Verbeugung. Niemanden schien es wirklich zu stören, dass der Inhalt des Liedes zu dem Anlass, aus dem sich die Mächtigen und Reichen Hibernias im Hohen Palast des Reiches in Tir na nÓg zusammengefunden hatten, eigentlich nicht recht passen wollte.

Wie die ganze Veranstaltung, so wirkte auch der Vortrag des Hofbarden etwas improvisiert. Offensichtlich hatte er keine Zeit mehr gehabt, ein Lied zu dichten, das dem Anlass eher angemessen gewesen wäre und hatte deshalb auf eine ältere Dichtung zurückgegriffen und sie lediglich vertont. Aber das störte offenbar niemanden bei der großen Feier zu Ehren der Dunklen Templer, zu der der Hohe Rat von Hibernia geladen hatte.

Algon befingerte die goldene Ehrennadel, die ihm, Teslin, Felips und Taleea von Lady Brigit verliehen worden war. Mit seinen drei Freunden stand er jetzt am Rand der Versammlung und beobachtete, wie die Oberen des Ordens für die gesamte Gilde mit salbungsvollen Worten geehrt wurden. Sätze wie „bedingungsloser Einsatz für das Reich“, „Aufdeckung einer Verschwörung“ oder „heldenhafter Kampf“ fielen und wurden von den Zuschauern, die dicht gedrängt in der großen Halle des Palastes standen, mit höflichem Applaus bedacht. Dabei würden nur die Wenigsten verstehen, was eigentlich wirklich geschehen war, dachte Algon, hatte doch der Hohe Rat des Reiches beschlossen, über die Vorgänge, die zur Aufdeckung der Verschwörung Lord Albrons geführt hatten, weitgehend den Mantel des Schweigens zu decken.

Auch wenn Algon damit eigentlich nicht einverstanden war, so hatte er doch ein gewisses Verständnis für diese Maßnahme des Rates. Zu hart wurde das Reich von seinen äußeren Feinden bedrängt, als dass es sich innere Konflikte leisten konnte. Und obwohl zahlreiche Seoltoir in die Verschwörung verwickelt gewesen waren, so konnte das Reich doch auf die Dienste der vielen unbescholtenen Portalzauberer nicht verzichten. Deshalb war auch auf offene Anklagen und Gerichtsprozesse verzichtet worden, nachdem sich die erste Aufregung um die Nachrichten gelegt hatte, die die Dunklen Templer dem Hohen Rat gebracht hatten.

Im Rückblick kamen Algon die letzten Tage fast wie in einer Art Nebel vor. Der Hohe Rat hatte auf die Informationen der Templer zunächst mit Bestürzung und Unglauben reagiert. Erst als die Ratsherren und Ratsfrauen selbst die Beweise gesehen hatten und sich im Keller unter dem Gildenhaus der Seoltoir von der schrecklichen Wahrheit überzeugt hatten, hatte sich langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass Lord Albron und die Seinen tatsächlich eine groß angelegte Verschwörung gegen das Reich angezettelt hatten. Letztlich waren es jedoch die Zeugenaussagen der Seoltoir gewesen, die wie Taleea nur knapp dem Tod als Opfer der letzten Beschwörung entgangen waren, die die Führer Hibernias überzeugt hatten. Und diese Zeugenaussagen hatten auch dazu geführt, dass die Gilde der Seoltoir nicht zerschlagen worden war, bewiesen sie doch, dass nicht alle Portalzauberer in die Verschwörung verwickelt gewesen waren. Die überlebenden Verschwörer verschwanden spurlos in den düsteren Silberminen Hibernias als Arbeitssklaven, die unbeteiligten Seoltoir nahmen unter strenger Aufsicht ihre Arbeit wieder auf.

Und deshalb standen jetzt auch einige in Blau gekleidete Seoltoir in der Zuschauermenge und sahen mit betretenen Gesichtern zu, wie Lord Berek, der Oberste Stallmeister des Reiches, provisorisch mit der Aufsicht über die Portalzauberergilde betraut wurde. Der kleingewachsene, dunkelhaarige Kelte, auf dessen Brust jetzt wieder die Brosche „Der Ritt der Göttin“ prangte, die die Templer Lord Albron abgenommen hatten, kniete vor Lady Brigit und nahm den Ring entgegen, der die Führerschaft über die Gilde der Seoltoir symbolisierte. Wenn man an die alte Rivalität zwischen den Zünften der Stallmeister und der Portalzauberer dachte, die seit vielen Jahren aufgrund ihrer Konkurrenz im „Transportgewerbe“ bestanden hatte, konnte man fast sein leicht triumphierendes Lächeln angesichts dieser Ernennung verstehen.

Die Übertragung des Amtes an ihn war ein politischer Kompromiss innerhalb des Hohen Rates gewesen, der durchaus nicht unumstritten gewesen war.  Aber die Mehrheit des Rates hatte angesichts der außenpolitischen Situation ein Zeichen der Einheit setzen wollen und deshalb mit der Ernennung Lord Bereks den Versuch unternommen, den ewigen Streit zwischen Stallmeistern und Seoltoir zu beenden.

Und nun war der Kelte eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Reich und hatte Dank seiner Doppelfunktion als Oberster von Stallmeistern und Seoltoir nicht unbeträchtliche Macht und großen Einfluss innerhalb Hibernias. Zwar war ihm das Amt als oberster Portalzauberer nur provisorisch verliehen, aber in Hibernia hatten solche Provisorien die Angewohnheit, irgendwann zum Normalfall zu werden. Daher erwartete Algon nicht, zu seinen Lebzeiten hier wieder eine Veränderung zu erleben.

Erleichtert sah er, wie nach der Ernennung Lord Bereks die Zeremonien zuende gingen und der angenehme Teil des Festes mit Gesang, einem Festschmaus und Tanz begann. Musikanten traten auf und begannen mit den traditionellen Instrumenten Hibernias – Laute, Flöte, Trommeln und Harfe – mitreißende Weisen zu spielen. Schon bald bewegte sich der Großteil der Gäste tanzend in der großen Halle oder sprach den zahlreichen Speisen und Getränken zu, die von Dienern hereingetragen wurden. Algon bezweifelte, dass viele der Gäste diesen Abend nüchtern überleben würden. Er stand mit Taleea am Rande der zum Ballsaal umfunkionierten Halle und schaute dem Treiben zu. Felips und Teslin hatten sich natürlich gleich ins Gewühl gestürzt. Grinsend beobachtete Algon, wie Felips mithilfe des Baummännchens Tiriel eine hübsche, junge Lurikeen-Dame um den Finger wickelte. Das niedliche Tier hatte sich bei diesen Dingen also der absolute Knüller erwiesen, eroberte es doch die Herzen der jüngeren und älteren Weiblichkeit im Sturm. Und Felips nutzte dies natürlich weidlich aus.

Algon hatte keine Lust zu tanzen. Tief in seinem Inneren fühlte er eine große Müdigkeit. Die Ereignisse der vergangenen Wochen hatten bei ihm eine große innere Erschöpfung hinterlassen. Und so stand er etwas abseits des Geschehens und genoss Taleeas Nähe. Auch sie hatten ihre Erlebnisse sichtlich erschüttert, wenn auch in den letzten Tagen ihr Übermut allmählich zurückgekehrt war.

Nachdenklich schaute sie Algon an. „Weißt du was, Algon?“ „Hm? Was denn?“ Sie drückte sanft seine Hand. „Ich habe mich noch gar nicht bedankt, dass ihr mich gerettet habt. Dass du mich gerettet hast.“ Algon spürte, wie eine leichte Röte sich in sein Gesicht schlich. „Naja. Das war schon eine etwas ... unbedachte Aktion von dir, allein in das Gildenhaus der Seoltoir einzudringen. Mutig, aber unbedacht.“ Er lächelte. „Bloß gut, dass du in deinem Zimmer im Gasthaus diese Nachricht hinterlassen hast, sonst wären wir bestimmt zu spät gekommen.“

Verständnislos blickte Taleea ihn an. „Ich habe keine Nachricht im Gasthaus hinterlassen.“ Wie vom Donner gerührt starrte Algon sie an. „Aber...“

In diesem Moment kam Teslin aus der Menge herangetanzt und fasste Taleea an beiden Händen. „Diese junge Dame entführe ich dir jetzt, oh oberster Grübler. In deiner Gegenwart wird sie nur depressiv.“ Und damit zog er die junge Elfin auf die Tanzfläche und die beiden verschwanden lachend in der Masse der Tanzenden.

Blicklos schaute Algon ihnen hinterher. In seinem Kopf rasten seine Gedanken. Keine Nachricht, sie hatte keine Nachricht hinterlassen. Aber sie hatten diese Nachricht doch gefunden. Wie hätte diese sonst in das Zimmer...

Plötzlich fiel sein Blick auf eine Gruppe von Gästen auf der anderen Seite der Halle. Lord Berek stand dort und ließ sich mit selbstgefälligem Lächeln von einigen Bewunderern zu seiner Ernennung gratulieren. Auf seiner Brust prangte strahlend die Brosche „Der Ritt der Göttin“. Die Diamanten, die auf ihr befestigt waren, glitzerten kalt im Licht der zahllosen Lampen, die die Halle erhellten. Und noch etwas glitzerte. Algon kniff die Augen zusammen, um genauer zu erkennen, was da um den Hals des Kelten hing. Und dann erkannte er es: Schützend legten sich zwei Hände über dem Lebensbaum Hibernias zusammen und bildeten den inzwischen wohlbekannten Anhänger eines Amuletts.

Algon stand wie angewurzelt. Die Augenblicke verrannen, doch irgendwie war für ihn die Zeit genauso entrückt wie das Geschehen und bunte Treiben in der Halle. Musik, Gesang und Gelächter hörte er zwar, aber eigentlich nahm er sie gar nicht wahr. In seinem Kopf herrschte Chaos, doch langsam nahm ein ungeheuerlicher Gedanke in ihm Gestalt an. So ungeheuerlich, dass er fast nicht wagte, ihn zuende zu denken.

Wie von selbst bewegten sich seine Füße und er drängte sich durch die Menge, zu betäubt, um die Protestrufe der Tanzenden wahrzunehmen, die er unsanft beiseite schob.

Vor dem obersten Stallmeister blieb er stehen. „Verzeiht, Lord Berek, aber könnte ich Euch einen Moment sprechen? Allein?“

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Laoin

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #32 am: 29. Dezember 2003, 17:01:01 »
Der Kelte blickte mit einem öligen Lächeln zu ihm auf. Algon überragte ihn fast um Haupteslänge. „Ah, unser junger Held. Aber natürlich kannst du mich sprechen. Wer, wenn nicht du?“ Er wandte sich an die Umstehenden. „Wenn Ihr uns bitte einen Moment entschuldigen wollt? Unser junger Freund hier und ich haben etwas zu besprechen.“ Mit eifersüchtigen Blicken verabschiedeten sich die Speichellecker und zogen sich zurück. Lord Berek legte Algon mit einer übertrieben vertraulichen Geste die Hand auf den Arm und führte ihn beiseite. „Komm, Algon, wir wollen etwas außer Hörweite gehen. Du scheinst etwas Wichtiges auf dem Herzen zu haben.“

Algon folgte ihm, verzweifelt versuchend, die brodelnde Flut der Gefühle in seinem Inneren zu bändigen. Schließlich erreichten sie einen stillen Platz hinter einer Säule. Sie waren allein. Der Stallmeister blickte Algon an. „Nun?“

„Lord Berek, ich habe eine Frage. Seid Ihr ein Mitglied von Caim en ceven?“ Der Kelte zog eine Augenbraue hoch. „Nun junger Freund, normalerweise würde ich diese Frage nicht beantworten. Aber weil du viel zur Aufklärung der Ereignisse der letzten Wochen beigetragen hast, werde ich eine Ausnahme machen. Ja, ich bin ein Mitglied von Caim en ceven. Und bevor du deine nächste Frage stellst, die ich in deinem Gesicht schon sehe: Ja, ich bin der Oberste dieses Geheimbundes.“

Langsam nickte Algon. Wieder passte ein Mosaikstein in das Bild, das sich langsam formte. „Und habt ihr als Oberster von Caim en ceven das Schreiben an Lord Albron gesandt und ihm gedroht, seine Unterschlagungen aufzudecken?“

Lord Berek zögerte einen Moment und schaute Algon mit zusammengekniffenen Augen an. „Warum hätte ich das wohl tun sollen?“ Algon schluckte. Jetzt kam der Moment der Wahrheit. „Aus dem selben Grund, aus dem Ihr die Nachricht Taleeas gefälscht habt und in ihr Zimmer gelegt habt: Um Leute dazu zu bewegen, Euren großen Plan auszuführen.“

Der Stallmeister lehnte sich mit dem Rücken an die Säule. Das ganze ölige und übertrieben kameradschaftliche Gehabe war von ihm abgefallen. Mit kalten und lauernden Augen starrte er Algon an. „Was für ein großer Plan sollte das wohl sein?“, fragte er mit flacher Stimme. Bei dem Blick des Kelten schauderte Algon. Der Mann fixierte ihn wie ein gefährliches Insekt, von dem man noch nicht weiß, ob man es verscheuchen oder erschlagen soll.

Er schluckte, doch dann antwortete fest: „Der Plan, der Euch heute dahin geführt hat, wo Ihr schon immer hin wolltet. An die Spitze der Seoltoir.“

Der Stallmeister lachte kalt. „Jetzt spekulierst du, junger Templer. Du weißt gar nichts von dem, was ich schon immer wollte.“ „Ach nein?“, fuhr Algon auf. „Wollt Ihr bestreiten, dass Ihr all dies geplant habt? Dass ihr dafür gesorgt habt, dass Lord Albron in seinem Wahn seine Monster auf Eure eigenen Leute losgelassen hat und so letztlich wir Templer in die ganze Geschichte hineingezogen wurden? Dass wir für Euch die Drecksarbeit erledigt haben, sodass Ihr am Ende mit sauberen Händen die Portalzauberer von uns in den Schoß gelegt bekommen habt wie eine reife Frucht?“

Mit einem spöttischen Lächeln verschränkte Lord Berek die Arme vor der Brust. „Und wenn es so wäre?“ „Ihr ... Ihr seid ein Monster“, stammelte Algon. „Ihr habt zugelassen, dass der Wahnsinnige Angehörige Eures eigenen Geheimbundes ermordet hat, Ihr habt ihn dazu sogar angestachelt.“ Der Stallmeister zuckte mit den Schultern. „Das waren diejenigen, die meinen Plänen ohnehin im Wege standen. Sie hätten mein Vorhaben nie gebilligt.“ Algon wurde aschfahl bei diesem Eingeständnis. „Und dann habt ihr die Dunklen Templer hineingezogen. Ihr habt uns alle in Gefahr gebracht. Taleea wäre fast getötet worden. Ihr habt uns benutzt!“ Die letzten Worte schrie er fast. „Wir waren für Euch nur ...“ „Marionetten ist das Wort, das du suchst“, fiel Lord Berek ihm ins Wort. „Marionetten. Ihr habt an meinen Fäden getanzt, besser, als ich es je gewagt hatte zu hoffen. Oh, manchmal war es recht knapp und eng und man musste euch wieder auf den richtigen Weg stoßen. Aber Dank deiner Neugier und deinem Wissensdrang war das zum Glück nie ein Problem. So wie in dem Moment, als Taleea gefangen wurde und wir die Nachricht fälschen mussten, um euch wieder auf die Fährte zu bringen.“

Die Kälte, die sich langsam in Algon ausgebreitet hatte, erreichte allmählich sein Herz. „Aber wie...?“ „Wie ich das gemacht habe? Wie ich zum Beispiel von der Gefangennahme Taleeas erfahren habe?“ Algon konnte nur nicken. Der Stallmeister zeigte auf eine Gestalt auf der anderen Seite der Halle. Der Mann trug einen dunklen Mantel; ungewöhnlicherweise hatte er die Kapuze des Mantels auch in der Halle bis übers Gesicht gezogen. „Nun, dies verdanke ich meinem vertrauten Diener. Sein Name tut nichts zur Sache. Aber seit vielen Jahren arbeitet er für mich und erledigt ... nun sagen wir mal: ungewöhnliche Aufträge. Er hat zum Beispiel dich und deine Freunde als geeignete Kandidaten zur Umsetzung unseres Planes ausfindig gemacht, als er deine Neugier für die Morde erkannt hat. Außerdem hat er sich auf meinen Befehl schon vor langer Zeit in die Gilde der Seoltoir eingeschlichen und das Vertrauen Lord Albrons gewonnen. So war ich über jeden Schritt des Verrückten informiert und konnte stets reagieren, ja ich konnte ihn sogar steuern, indem ich meinen Mann Informationen streuen ließ, die Albron veranlasst haben, in bestimmter Weise zu handeln. Deshalb wusste ich von der Gefangennahme Taleeas.“ Wieder lachte der Stallmeister kalt. „Mein Diener ist ein Mann mit vielen Talenten. Das Fälschen von Handschriften gehört zum Beispiel dazu, ebenso wie Einbruch und Diebstahl, wenn es nötig ist. Du siehst, er ist sehr nützlich.“

Algon war sprachlos. Dann brach es aus ihm heraus: „Ich werde Euch vor den Hohen Rat zerren, Ihr werdet für Eure Taten büßen.“ Das Kichern des Stallmeisters war voll Hohn. „Nein, das wirst du nicht.“ „Oh doch!“ „Nein. Und soll ich dir auch sagen, warum nicht?“ Hasserfüllt starrte Algon ihn an. „Du hast keinen Beweis, du hast keine Zeugen.“ „Oh doch, das habe ich“, schrie Algon. Und zeigte auf die andere Seite der Halle ... und erstarrte. Dort, wo eben noch der Mann im schwarzen Mantel gestanden hatte, stand nun niemand mehr. „Gar nichts hast du. Nur das Wort einer Diebin, dass sie eine Nachricht nicht geschrieben hat. Oh ja, einer Diebin. Was meinst du, wäre das Wort deiner geschätzten Taleea wohl vor dem Hohen Rat wert, hm? Wirst du es wagen, sie als Zeugin zu benennen, wenn du weißt, dass ich genug über sie in der Hand habe, um sie vor Gericht zu vernichten? Wirst du es wagen, deinen Orden, die Dunklen Templer, bloß zu stellen, als das, was sie waren? Willenlose Werkzeuge, die sich haben manipulieren lassen wie es mir beliebte? Heute jubeln euch die Leute zu, was werden sie dann wohl tun? Man wird den Orden zerschlagen, vielleicht aber auch nur mit tiefster Verachtung strafen. Der Schaden wäre jedenfalls unermesslich. Nein, junger Templer. Du wirst gar nichts tun. Du wirst die Ehren nehmen, mit denen sie dich überhäufen, und du wirst schweigen und vergessen!“

Gewichte wie Mühlsteine schienen um Algons Hals zu hängen. Seine Zunge war wie ein Stück Blei in seinem Mund. Und doch, eine Frage musste er noch stellen. Er musste.

„Warum? Warum dies alles?“

„Warum?“ Lord Berek zuckte desinteressiert mit den Schultern. „Ganz einfach. Wegen Macht. Und natürlich wegen dem vielen Geld, was letztlich selbstverständlich auch wiederum Macht bedeutet. Warum wohl sonst? Gibt es sonst noch etwas, was wichtig ist?“

Mit diesen Worten schenkte er Algon ein letztes kaltes Lächeln, dann drehte er sich um und ließ Algon allein im Schatten der Säule stehen, während er wieder auf die Tanzfläche schritt, wo seine Speichellecker schon begierig auf ihn warteten.

Die innere Kälte füllte Algon nun vollständig. Er fühlte sich, wie innerlich abgestorben. Ein Teil von ihm schrie danach, jetzt und sofort zu seinen Gildenoberen zu rennen und ihnen das eben Erfahrene zu berichten. Doch die gefühllose Kälte überwog. Er konnte es nicht tun. Sein Blick fiel auf Taleea und Teslin, die auf der Tanzfläche lachend ihre Runden drehten. Und auf Felips, der sich mit seiner Lurikeen-Dame auf eine kleine Bank in einer Ecke der Halle zurückgezogen hatte. Die Lady kicherte über einen Witz, den er gemacht hatte und ließ es zu, dass er vertraulich seinen Arm um sie legte.

Die Eminenzen und Hohen Templer seines Ordens waren umringt von zahlreichen Adeligen und Anführern anderer Gilden und waren offensichtlich als wichtiger Faktor der Reichspolitik identifiziert und daher gefragte Gesprächspartner. Neue politische Bündnisse wurden dort geschmiedet und es war klar, dass die Bedeutung der Templer selten größer gewesen war als in diesem Moment.

Algon sah Lord Berek inmitten der Schar seiner Bewunderer stehen. Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke. Hinter der öligen Fassade des obersten Stallmeisters blitzte kurz das eiskalte Lächeln auf, dass er Algon gezeigt hatte. Dann drehte er sich um und ging zu der Gruppe der Ordensführer der Dunklen Templer, wo er von Großmeister Laoin freundlich begrüßt wurde.

Das letzte, was Algon sah, bevor Tränen der Wut seinen Blick verschleierten, war das Bild des obersten Stallmeisters und Seoltoirs, der umringt war von einer Gruppe fröhlicher Templer.

„Ich muss hier raus!“, schrie es in ihm. Er stürzte aus der Halle, ohne die fragenden Blicke seiner Freunde zu beachten, die ihm irritiert nachsahen. Als er schließlich an den Wachen vorbei aus dem inneren Palastgebäude gerannt war, umfing ihn die Kühle der Nacht. Blicklos eilte er daher, bis er schließlich bemerkte, dass er im Palastgarten von Tir na nÒg gelandet war, in dem große Bäume in den Himmel ragten, Sinnbilder für die Ewigkeit des Reiches.

Er war allein.

Langsam sank er auf die Knie, während ihm Tränen die Wangen herabliefen. Er blickte auf zu den Sternen, die kalt und ohne Interesse auf ihn herabfunkelten.

Vielleicht war es die Feuchtigkeit in seinen Augen, die ihn einen Moment ein Bild sehen ließ, das die Sterne zu bilden schienen: Eine Reiterin auf einem Pferd, das mit hoch erhobenen Vorderhufen gen Himmel sprang. Vielleicht auch nicht. Aber vielleicht war es auch nur eine Illusion.

***ENDE***
Dunkle Templer. Meine Gilde!