Autor Thema: Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)  (Gelesen 14608 mal)

Laoin

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #15 am: 10. Oktober 2003, 15:50:22 »
Als Algon und Taleea sich dem Firbolg näherten, hörten sie ihn leise röcheln. Ansonsten lag er still auf der Seite. Mühsam kniete Algon neben dem Krieger nieder. Erschüttert sah er die schweren Wunden, die die grausamen Klauen der Bestie geschlagen hatten. Langsam drehten Algon und Taleea den Firbolg auf den Rücken. Mit ihrem Mantel versuchte die Waldläuferin, den Blutfluss aus der klaffenden Schulterwunde des Mannes zu stillen. Aber ihr Gesichtsausdruck machte Algon klar, dass sie nicht glaubte, dass ihr das gelingen würde. Der hohe Blutverlust hatte dazu geführt, dass das Gesicht des Firbolgs kalkweiß war.

Plötzlich packte der alte Krieger mit überraschender Kraft Algons Arm. Die Augen weit aufgerissen, starrte er den jungen Fian an. „Junge! Hör mir zu!“ Erschrocken versuchte Algon zunächst, sich aus dem eisenharten Griff des Mannes zu lösen, doch das gelang ihm nicht. Er schluckte und schaute den Firbolg an. Der versuchte offenbar Worte zu formulieren, was ihm aber schwer fiel. Offensichtlich  war Blut in seine Lungen eingedrungen, denn ein heftiger Hustenkrampf erschütterte ihn. Algon beugte sich über ihn, um seine heiser geflüsterten Worte besser verstehen zu können.

„Weißt du... was das war? Weißt du es, Junge?“, flüsterte der Firbolg erregt. Algon schüttelte den Kopf. „Das ... war ... ein Verstümmelter Okabi.“ Der Mann schloss langsam die Augen, offenbar erschöpft von diesen wenigen Worten. Verzweifelt schüttelte Algon ihn. „Herr! Herr! Ich weiß nicht, was das ist.“ Mühsam öffnete der Firbolg noch einmal die Augen. Algon konnte die leisen Worte des Firbolgs kaum verstehen. „Etwas ... das ... es ... in ... Hibernia ... nicht ... geben ... darf. Ein Schrecken aus dem Abgrund...“

Sein Kopf fiel zurück, die Augen schlossen sich zum letzten Mal.

Fassungslos starrte Algon den Toten an. Soeben war ein Mann in seinen Armen gestorben. Er konnte das alles nicht wirklich begreifen.

Da zerrte ihn Taleea am Arm. „Algon, komm zu dir!“ Sie hatte dem toten Firbolg das zerrissene Hemd auseinander gezogen. Auf der blutüberströmten Brust des Firbolgs glänzte etwas. „Schau mal, was wir da haben“, flüsterte sie.

Behutsam zog sie dem Mann das Amulett über den Kopf. „Warum bin ich nicht überrascht?“, murmelte sie, als sie auf das schon bekannte kleine Schmuckstück starrte. Seltsamerweise waren die beiden Hände, die sich schützend über den Lebensbaum Hibernias legten, nicht von Blut befleckt. Rasch steckte sie das Amulett ein. „Aber du kannst doch nicht...“, begann Algon. „Natürlich kann ich. Los, lass uns verschwinden!“ „Aber ...  aber Taleea, wir müssen doch die Reichswache informieren. Hier liegt ein Toter, das können wir doch nicht einfach...“ „Denk doch mal nach!“, fuhr ihn die Waldläuferin an. „Und schau dich an!“ Algon blickte an sich herunter. Seine Kleidung war überall mit Blutflecken bedeckt. „Was wird wohl die Reichswache denken, hm?“ „Aber wir waren es doch gar nicht!“ „Wie ich die Eisenschädel der Wache kenne, wird sie das erstmal nicht interessieren. Los, komm!“

Sie zog ihn hoch und führte ihn in die Dunkelheit einer Gasse. „Wo sollen wir hin? So kann ich nicht zur Templerfeste zurück, ohne dass dort Fragen gestellt werden.“, fragte Algon verzweifelt. „Wir gehen zu der Herberge, in der ich wohne", meinte Taleea. "Dort werden keine Fragen gestellt.“ Mühsam humpelte Algon neben ihr her, sicher, dass er etwas Falsches tat.

******

Verächtlich trat die Gestalt in der roten Robe nach dem am Boden liegenden Toten. Das verzerrte Gesicht des Zauberers zeigte noch die Überraschung des Momentes, als ihn der tödliche Energiestrahl in die Brust getroffen hatte.

„Ihr inkompetenten Narren!“, herrschte die Gestalt die vor ihr kauernden Magier an. „Wie könnt ihr es wagen zuzulassen, dass mein Werkzeug verletzt wird?“ Das Gesicht unter der Robe hatte inzwischen die rote Farbe derselben angenommen, als die Gestalt die Magier anbrüllte. „Und dann flieht das verdammte Ding auch noch, bevor es seine Arbeit getan hat.“

Mit zittriger Stimme wagte einer der Zauberkundigen einzuwenden: „Ver...Verzeiht, oh Mächtiger. Aber wir hatten gewarnt, dass er noch nicht wieder bereit war. Sein Hunger war einfach nicht groß genug. Deshalb ist er geflohen, als der Widerstand zu groß...“ „RUHE!!! Ich will keine Entschuldigungen hören“, tobte die Gestalt. Sie fuhr zu dem man im dunklen Mantel herum. „Was wissen wir über das Schicksal von dem verdammten Amero Angari?“ Der Mann verbeugte sich. „Er ist tot, oh Mächtiger. Seinen schweren Verwundungen erlegen. Da sind sich unsere Quellen bei der Reichswache einig.“

„Und woher stammen die Pfeile? Der Fian hatte ja wohl keinen Bogen dabei, oder?“ Der Mann im dunklen Mantel zögerte einen Moment. „Nein, Herr, das hatte er wohl nicht. Aber das Viertel, in dem unser Werkzeug Angari erwischt hat, ist ziemlich heruntergekommen. Vielleicht hat es einen Dieb beim Einbruch überrascht oder etwas in der Art. Auf jeden Fall muss derjenige, der die Pfeile abgeschossen hat, einen guten Grund gehabt haben, zu schweigen. Denn auf den Straßen gibt es keinerlei neue Gerüchte. Nichts über ein Monster aus dem Abgrund der Finsternis zumindest.“

Die Gestalt blickte ihn scharf an, offenbar nicht wirklich überzeugt. Schweiß bildete sich auf der Stirn des Mannes im dunklen Mantel. Doch dann drehte sich die Gestalt in der roten Robe um und zischte die Magier vor ihr an: „Seht zu, dass er wieder einsatzfähig wird. So schnell wie möglich. Und jetzt raus hier!“

Voll Schrecken und dankbar, dass sie lebend davongekommen waren, flohen die Zauberkundigen aus dem Raum.

Lange starrte der Mann im dunklen Mantel auf den Rücken der Gestalt in der roten Robe, bis diese ihm schließlich mit einem Winken ebenfalls die Erlaubnis gab, das Zimmer zu verlassen.

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Laoin

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #16 am: 14. Oktober 2003, 16:57:10 »
Als Teslin und Felips in das kleine Zimmer platzten, das Taleea in der schäbigen Herberge in einem der ärmeren Viertel Tir na nÓgs bewohnte, konnte man ihren Gesichtern ihre Besorgnis ansehen. Taleea hatte Algon hergebracht und seine Prellungen, die er sich bei dem Kampf gegen das Ungeheuer zugezogen hatte, mit einer Salbe versorgt. Dann war sie ins „Grab Bag Inn“ geeilt und hatte die beiden anderen jungen Templer informiert. Wie selbstverständlich hatte sie die Führung der kleinen Gruppe an sich gezogen. Ihren Bitten folgend, die eigentlich eher Befehle waren, waren Felips und Teslin in die Ordensfeste der Dunklen Templer zurückgekehrt und hatten aus Algons Zimmer saubere Kleidung und eine graue Robe geholt.

„Ihr habt aber lang gebraucht“, knurrte Algon, der auf Taleeas Bett saß und sich die verbundenen Rippen hielt. „Ja, wir haben uns auch Sorgen um dich gemacht“, sagte Teslin ironisch. Algon schaute ihn entschuldigend an. „Tut mir leid. Ich wollte euch nicht anpflaumen, aber ich hatte einen wirklich miesen Abend.“

Mit einem Blick auf Algons blutverschmierte Kleidung, die in einem unordentlichen Haufen auf dem Boden des Zimmers lag, sagte Felips schaudernd: „Ja, das sieht mir ganz danach aus.“

„Taleea hat ja einiges erzählt, aber was ist denn eigentlich genau passiert?“ Teslin warf Algon die sauberen Kleidungsstücke zu, die dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht anzog. Da Taleea sich den einzigen Stuhl im Zimmer geangelt hatte, setzten sich Teslin und Felips zu Algon auf das Bett, das unter dieser Belastung verdächtig zu knarren begann. Tiriel, die auch Felips Schulter gehockt hatte, hüpfte in Taleeas Schoß und ließ sich von dieser genussvoll kraulen.

Nachdenklich schilderte Algon seinen Freunden die Geschehnisse des Abends aus seiner Sicht. Mittlerweile war es späte Nacht geworden.

„Und du bist sicher, dass der Firbolg sagte, das Monster sei ein `Verstümmelter Okabi´?“, fragte Felips, nachdem Algon geendet hatte. Algon nickte bestätigend und auch Taleea stimmte zu. „Genau das hat er gesagt.“

„Das ist eine ziemlich schlimme Nachricht“, meinte Felips mit leichtem Schaudern. „Diese Bestien gibt es nur im Abgrund der Finsternis, wirklich nur dort. In Hibernia dürften sie nicht existieren. Sie können das Verlies nicht verlassen, da ist sich jeder sicher, den ich gefragt habe.“

„Nun ja. Eine Sache erklärt das aber“, grübelte Teslin. „Welche?“, wollte Algon wissen. „Naja, warum an der Stelle, an der die Leichen gefunden wurden, kein Blut zu finden ist.“ „Wieso?“ „Du hast ja selbst gesagt, dass das Monster Flügel hatte. Es hat seine Beute daher irgendwo umgebracht und dann fliegend zu der Stelle gebracht, an der man sie hinterher gefunden hat. Vermutlich wird man irgendwo an anderer Stelle einen großen Blutfleck finden. Dass dieser Fleck aber mit den Opfern zu tun hatte, konnte man nicht wissen, oder?“ Taleea nickte bedächtig. „Das macht Sinn. Aber ich begreife nicht, wie sich so ein großes Monster in der Stadt bewegen konnte, ohne bemerkt zu werden.“

Eine Weile drehte sich die Diskussion ergebnislos um diesen Punkt. Dann unterbrach Algon seine Freunde. „Ich denke, das bringt uns jetzt nicht weiter. Lasst uns nochmal zu den Fragen kommen, die wirklich wichtig sind. Wir wissen jetzt, wer der Mörder ist. Aber wir wissen immer noch nicht, warum das Monster Leute umbringt, die dieses Amulett tragen“, er zeigte seinen Freunden das Amulett, das Taleea dem Firbolg abgenommen hatte. Interessiert begutachteten Felips und Teslin das Schmuckstück. „Magisch ist es nicht“, verkündete der kleine Eldritch daraufhin. Algon nickte. „Das dachte ich mir schon. Also, die wichtigste Frage ist jetzt: Was sind das für Leute, die dieses Amulett tragen? Die andere Sache, die wir klären müssen ist: Wie kommt ein Monster aus dem Abgrund der Finsternis nach Tir na nÓg, wenn sich alle einig sind, dass dies eigentlich gar nicht passieren kann?“

„Du hast eine Frage vergessen“, meinte Teslin leise. „Welche?“ „Was tun wir dagegen, dass in der Hauptstadt von Hibernia eine mörderische Bestie herumläuft?“

******

Großmeister Phadrics dunkle Augen musterten Algon nachdenklich. „Nimm es mir nicht übel, Algon, aber ich kann kaum glauben, was du mir da erzählst. Ich habe schon gegen Verstümmelte Okabis gekämpft. Es kann sie außerhalb des Abgrundes der Finsternis nicht geben. Es kann nicht!“ „Groß wie drei Firbolgs? Graue Haut? Gewaltige Flügel? Lange Klauen an Armen und Beinen? Eine grauenhafte Visage mit langen Fangzähnen und spitzen Ohren?“ Algon schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was es sonst sein soll, Eminenz. Ich habe die Beschreibung von Okabis in der Bibliothek nochmal nachgelesen. Es gibt sogar Zeichnungen von den Bestien dort. Und das Ding, gegen das ich gekämpft habe, sah genauso aus wie die Monster in den Büchern. Und Amero Angari war auch dieser Meinung.“ Inzwischen hatte Algon den Namen des ermordeten Firbolgs erfahren.

Düster starrte Großmeister Phadric vor sich hin. Er drehte sich um und blickte durch das kleine Fenster seines Zimmers hinaus auf die Dächer der Hauptstadt, über denen allmählich der neue Tag herangraute.

„Ich weiß nicht. Ich kann es einfach nicht glauben. Wenn das wahr wäre, dann wäre all das falsch, was seit vielen Jahren von allen Zauberkundigen unseres Reiches immer und immer wieder behauptet wird. Weißt du, es ist schon fast ein Glaubenssatz: Die Dämonen können den Abgrund der Finsternis nicht verlassen! Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe.“

Algon zuckte mit den Schultern. „Was soll ich sagen? Offenbar kann zumindest einer dieser Dämonen das doch.“ „Zeig ihm das Amulett“, drängte Taleea, die Algon in die Templerfeste begleitet hatte, nachdem sich die vier Freunde in der Herberge getrennt hatten, um unterschiedlichen Fragen nachzugehen. „Welches Amulett?“, fragte Großmeister Phadric neugierig. Algon griff in seine Tasche und zog das kleine goldene Schmuckstück hervor. Er reichte es dem Nachtschatten, der es nachdenklich betrachtete. „Dieses Amulett trug der Firbolg um den Hals. Es ist das gleiche wie das, was Lady Arina um den Hals getragen hat. Und der Kaufmann Oron Heimling aus Mag Mell vermutlich auch.“

„Umdrehen!“, befahl der Lurikeen-Nachtschatten plötzlich. „Wie bitte?“, fragte Algon verdattert. „Ihr sollt euch umdrehen. Zur Tür.“ Irritiert drehten Taleea und Algon dem Großmeister den Rücken zu. Sie hörten, wie er die Tür seines Schrankes öffnete und darin herumkramte. Schließlich sagte er: „So, ihr könnt euch jetzt wieder umdrehen.“ Als Algon sich wieder umblickte, sah er, dass der Großmeister ein großes, eisenbeschlagenes Buch in Händen hielt. Es war mit einem schweren Schloss gesichert. Großmeister Phadric nahm das Schloss in die Hände und machte einige merkwürdige Bewegungen mit seinen Fingern. Mit einem vernehmlichen Klicken sprang es auf.

„Was ist das für ein Buch?“, fragte Algon neugierig. Bücher interessierten ihn immer. Phadric lächelte düster. „Dieses Werk enthält nützliche Informationen für Angehörige meiner Berufsklasse.“ Algon schauderte, als ihm bewusst wurde, dass Phadric ein Nachtschatten war, ein Angehöriger einer Klasse von Assassinen. Er wollte lieber gar nicht wissen, welche Geheimnisse in dem Buch standen.

Mehrere Augenblicke blätterte der Großmeister in dem Band. Schließlich hielt er inne und lachte leise. „Ich Dummkopf.“ „Was ist, Eminenz?“, wollte Algon wissen. „Ich weiß jetzt, warum mir das Symbol die ganze Zeit so bekannt vorkam.“ Fragend blickten Algon und Taleea ihn an.

Phadric zeigte auf eine kleine Zeichnung, die auf der Seite, die er eben aufgeschlagen hatte, zu sehen war: Der Lebensbaum Hibernias mit zwei schützend darüber gelegten Händen. Wie auf dem Amulett. „Caim en ceven“, murmelte Phadric. Als er das Nicht-Verstehen in Algons und Taleeas Augen sah, übersetzte er: „Die Hände der Erde. Ursprünglich war das einmal ein Kriegerorden, der gegen die Siabra gekämpft hat. Vor langer Zeit. Nachdem diese verdrängt waren, verwandelte er sich ganz allmählich in eine Art Geheimbund, der sich dem Schutz Hibernias verschrieben hat. Eher eine politische Organisation. Es heißt hier, dass er in den höchsten Kreisen des Reiches recht einflussreich sei, allerdings ohne klares politisches Programm. Eher nach dem Motto „wenn du jemand im Reich sein willst, musst du dazu gehören“. Er unterhält keine Geheimarmee, nichts, was aktiv nach außen dringt. Irgendwie seltsam, dass jemand sich ausgerechnet diese Vereinigung als Ziel ausgesucht hat, denn von der Sorte gibt es in unserem Reich mehrere.“

Ratlos schaute Algon Taleea an. Die zuckte mit den Schultern. „Naja, das ist dann das nächste, was wir herausfinden müssen. Immerhin wissen wir jetzt, wer das Ziel der Angriffe ist. Caim en ceven. Wenn Felips und Teslin jetzt noch etwas zu dem Monster herausfinden können und wie es aus dem Abgrund der Finsternis herausgekommen ist, dann sind wir doch schon ein Stück weiter. Jetzt schau doch nicht so betrübt!“

Algon lächelte. „Ja, du hast Recht.“ Dann gähnte er herzhaft. Überrascht schaute er die anderen an. „Wie lange hast du nicht geschlafen?“, fragte Phadric. Algon schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, ich...“, und er gähnte wieder.

Nur wenige Augenblicke, nachdem der Großmeister ihn ins Bett geschickte hatte, versank Algon trotz der schrecklichen Ereignisse der vergangenen Nacht in einen tiefen traumlosen Schlaf.

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Laoin

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #17 am: 15. Oktober 2003, 13:07:32 »
Ärgerlich klappte Felips den dicken Folianten zu, in dem er nach Informationen über den Abgrund der Finsternis gesucht hatte. Staub wirbelte hoch und er musste heftig niesen. „Wieder nichts, oder?“, fragte Teslin, der vor einem der hohen Regale in der Bibliothek der Ordensfeste der Dunklen Templer stand und nach weiteren Werken suchte, die ihnen bei der Lösung der Frage helfen konnten, wie ein Monster den Abgrund der Finsternis verlassen konnte.

Felips schüttelte den Kopf. „Nein, nichts. Verdammt, es muss doch irgendwo etwas dazu geben...“, brummte er. „Bald haben wir alle Bücher und Schriftrollen durch, die irgendetwas mit dem Verlies zu tun haben“, meinte Teslin. „Ich weiß nicht mehr, wo wir hier noch suchen sollen.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür zur Bibliothek und ein Lurikeen, der in eine schwarze Robe gekleidet war, kam herein. Irritiert hielt er eine flackernde Öllampe hoch. „Wer ist denn da?“, fragte er mit ärgerlicher Stimme. Erschrocken hob Felips eine Hand. „Äh, ich bin das, Meister Sam. Felips. Und das dort hinten ist Teslin.“ Der Lurikeen-Eldritch, einer der erfahrensten Kampfmagier in den Reihen der Templer, runzelte irritiert die Stirn. „Und was tut ihr zu dieser nachtschlafenden Zeit hier?“

Frustriert zeigte Felips auf den Berg von Büchern, der sich auf seinem Lesetisch stapelte. „Wir suchen nach einer Information zum Abgrund der Finsternis, Meister Sam. Aber ich fürchte, wir kommen nicht weiter.“ Meister Sam kam näher und betrachtete die Bücher und Schriftrollen. „Und was ist das für eine Information, die so wichtig ist, dass ihr die halbe Nacht in der Bibliothek verbringt?“

Felips und Teslin wechselten einen raschen Blick. Dann meinte Teslin: „Nun, wir möchten wissen, ob es möglich ist, dass ein Dämon den Abgrund der Finsternis verlässt und wenn ja, auf welchem Wege.“ Erstaunt schaute sie der Eldritch an. „Ihr wisst aber, dass dies nicht möglich ist, oder?“ Unsicher antwortete Felips: „Sagen wir es mal so: Wir sind uns da in letzter Zeit nicht mehr so sicher. Von daher würden wir gern wissen, was theoretisch passieren müsste, damit ein Dämon aus dem Abgrund ausbrechen kann.“

Gedankenverloren blätterte Sam in einem der offen liegenden Bücher. „Ich glaube, ihr stellt die Frage falsch, wenn ich das mal sagen darf.“ „Wieso?“ Mit einem ärgerlichen Seufzer setzte sich Felips an den Lesetisch und blickte den älteren Eldritch fragend an. „Nun... die Dämonen, die im Abgrund der Finsternis hausen, können das Verlies aus eigener Kraft nicht verlassen. Die Welt außerhalb des Verlieses widerspricht allen Regeln ihrer Natur.“ „Aber...“, wollte Teslin ihn unterbrechen, doch Sam winkte ab. „Wenn also ein Monster aus dem Verlies herauskommt, dann nur mit Hilfe von außen. Ist euch der Gedanke schon mal gekommen?“ Perplex starrten die beiden jungen Templer den Eldritch an.

„Äh, aber wer könnte so etwas tun wollen?“, fragte Teslin vorsichtig. Sam zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ist ja auch nur eine theoretische Annahme, nicht wahr?“ Verlegen hustete Teslin. Eine Frage beschäftigte Felips. „Wenn die Monster nicht von selbst herauskommen können ... wie kann dann jemand von außen sie herausbekommen?“

Der Lurikeen grinste schief. „Wie kommt man in den Abgrund der Finsternis hinein?“ „Durch das Portal, das zwischen Tir na nÓg und Druim Ligen liegt“, antwortete Felips prompt. „Genau“, nickte Sam. „Und wie kommt man wieder heraus?“ „Durch Portale, die es im Inneren des Verlieses an verschiedenen Stellen gibt.“ Wieder nickte der ältere Eldritch. „Und wer kennt sich mit diesen Portalen aus und könnte sie unter Umständen so beeinflussen, dass sie auch einen Dämon durchließen?“

„Die Portalzauberer“, kam es wie aus einem Mund von Teslin und Felips. Sam grinste schief. „Eben. Wenn jemand einen Dämon aus dem Abgrund herauslassen kann, dann nur sie.“ Scharf blickte er die beiden jungen Templer an. „Zum Glück IST das ja eine theoretische Annahme, über die wir hier sprechen, oder?“

Unsicher blickten sich die beiden Freunde an. Schließlich antwortete Felips langsam: „Ja, so etwas in der Art...“

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Laoin

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #18 am: 24. Oktober 2003, 17:36:49 »
Vorsichtig schloss Taleea den hölzernen Fensterladen hinter sich, den sie mit Hilfe eines scharfen Dolches von außen geöffnet hatte. Leise rollte sie das Seil mit dem Wurfanker zusammen, mit dem sie zum Dach des Gildenhauses der Portalzauberer geklettert war, um dort in das verstaubte Dachfenster einzusteigen. Der kleine Raum, in dem sie nun kniete, war unbeleuchtet und offensichtlich schon lange nicht mehr benutzt worden. Das schwache Licht, das durch einen schmalen Schlitz ihrer winzigen Einbrecherlaterne drang, enthüllte zerbrochene Möbelstücke und eine fingerhohe Staubschicht auf dem Boden. Hier war schon seit langer Zeit niemand mehr gewesen. Durch das kleine, dreckige Dachfenster, durch welches sie sich gezwängt hatte, drang nicht einmal das Licht des fast vollen Mondes, der auf Tir na nÓg herabschien. Ohne ihre Laterne wäre sie in dem stockdunklen Raum praktisch blind gewesen.

Als sie das Seil in ihrem Rucksack verstaute, lächelte sie in die Dunkelheit. Sie malte sich aus, wie ärgerlich Algon und die anderen sein würden, wenn sie am Morgen die Nachricht finden würden, die sie hastig auf einen Zettel gekritzelt hatte, den sie unter der Tür von Algons Raum hindurchgeschoben hatte. Nachdem Felips aufgeregt in das Gästezimmer geplatzt war, in dem sie die Nacht in der Ordensfeste der Dunklen Templer verbringen wollte, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen, dass möglicherweise die Portalzauberer in die Angelegenheit um die Morde verstrickt sein könnten, hatte sie ihren Entschluss gefasst: Sie würde in das Gildenhaus der Zauberer eindringen und nach Beweisen suchen. Allein. Algon, mit seinem übertriebenen Beschützerinstinkt, würde sich schwarz ärgern, dass sie ohne seine Begleitung ein solches Unternehmen wagte. Aber weder er, noch die anderen beiden hätten ihr bei einem Einbruch wirklich helfen können. Sie war die Einzige, die Dank ihrer Fähigkeiten im Schleichen und Tarnen eine Chance hatte, unbemerkt in das Gildenhaus einzudringen. Außerdem hatte sie mit Blick auf ihre schamvoll vor den anderen verheimlichte Vergangenheit als Einzige Erfahrungen mit Einbrüchen und außerdem die nötige Ausrüstung.

Nachdem sie die kurze Nachricht über ihr Vorhaben geschrieben hatte, war sie zurück in die Herberge geeilt, in der auch ihre Ausrüstung lag. Sie hatte eine leichte Lederrüstung angezogen, die wegen ihrer schwarzen Farbe in der Nacht die ideale Tarnung war. In einen kleinen Rucksack hatte sie die Dinge gesteckt, die sie für einen stilechten Einbruch benötigte. Vom
Dietrich bist zum Steigeisen. Dann war sie aufgebrochen.

Das Gildenhaus der Portalzauberer lag im Palastviertel von Tir na nÓg. Es war ein wuchtiger, mehrstöckiger Steinbau, der mit zahlreichen steinernen Ornamenten geschmückt war. Taleea war besonders dankbar für die zahlreichen Wasserspeier, die die Mauerkrone des Hauses zierten, denn an einem von ihnen hatte ihr Wurfanker einen sicheren Halt gefunden. Mühelos war sie die Hauswand an dem Seil des Wurfankers hinaufgeklettert und war durch das Dachfenster in das Gebäude eingedrungen.

Nun saß sie in der Dunkelheit und lauschte. Sie konnte außerhalb des Zimmers kein Geräusch ausmachen. Nachdem sie ihren Rucksack umgeschnallt hatte, zog sie ihren langen Dolch und konzentrierte sich. Nach wenigen Augenblicken verschmolz ihre Silhouette mit der Umgebung, als sie die besondere Tarnfähigkeit einsetzte, die sie als Waldläuferin gelernt hatte. Vorsichtig und lautlos schlich sie zur Tür des Raumes. Sie grinste. Die Tür hatte kein Schloss, sondern lediglich eine Klinke. Ganz allmählich drückte sie die Klinke herunter, um ein Quietschen zu vermeiden. Hinter der Tür lag ein kurzer, unbeleuchteter Gang, der zu einer hölzernen Wendeltreppe führte, die nach unten in die Dunkelheit verschwand.

Leise schloss Taleea die Tür des Raumes hinter sich und kroch auf die Treppe zu. Immer noch war kein Geräusch im Haus zu hören. Als sie die Treppe erreichte, zögerte sie einen Moment. Alte Holztreppen hatten die unangenehme Eigenschaft, leicht zu knarren. Dann aber riss sie sich zusammen. Es gab keinen anderen Weg. Wenn sie nicht schon hier scheitern wollte, musste sie die Treppe hinunter. Sie blickte nach unten und ließ kurz den Lichtstrahl ihrer Laterne herabblitzen. Rasch verschloss sie die Laterne wieder, so dass kein Licht mehr herausdrang. Dann machte sie sich daran, Schritt für Schritt und Stufe für Stufe die Treppe herabzuschleichen. Zwar knarrte ab und zu eine Treppenstufe, dann jedoch so leise, dass sie sicher war, dass dies niemand außer ihr gehört hatte.

Am Ende der Treppe ertastete sie eine weitere Tür. Vorsichtig drückte sie die Klinke. Verschlossen. Aus ihrem Gürtel zog sie einen hakenförmigen Dietrich, den sie vorsichtig in das primitive Schloss der Tür einführte. Nach wenigen Momenten machte es leise "Klick". Sie grinste kurz und steckte den Dietrich wieder ein. Dann öffnete sie vorsichtig die Tür einen Spalt und blickte hindurch. Hinter der Tür lag eine Art breite Galerie, die schwach von wenigen Öllampen erhellt war. Von dieser Galerie gingen weitere Türen ab. Da sie durch den Spalt nicht mehr erkennen konnte, lauschte sie einen Moment und schlüpfte dann durch die Tür, die sich leise wieder hinter sich schloss. Rasch huschte sie in den Schatten einer Ecke der Galerie und blickte sich um.

Die Galerie führte um eine Art überdachten Innenhof innerhalb des Hauses herum, in den über drei Stockwerke ein Treppenhaus herabführte. In jedem Stockwerk gab es eine Galerie, wie die, auf der sie sich befand. Dort mündeten jeweils die Treppen. Von jeder Galerie aus führten zahlreiche Türen in unbekannte Räume oder Gänge. Während die Türen im obersten Stockwerk, in dem Taleea sich befand, einen recht einfachen, soliden Eindruck machten, waren die Türen, die sie von ihrer Position aus in den unteren Stockwerken erkennen konnte, zum Teil doppelflügelig und reich mit Verzierungen geschmückt.

Die junge Waldläuferin schlich vorsichtig zu der ihr am nächsten gelegenen Tür und lauschte daran. Dahinter hörte sie ein leises Schnarchen. "Ein Schlafraum", dachte sie. Sie kroch weiter. Auch hinter der nächsten Tür hörte sie Schlafgeräusche. Offenbar lagen hinter den Türen in diesem Stockwerk Schlafkammern. Sie wollte ihr Glück nicht herausfordern, daher entschied sie sich dagegen, eine weitere der Türen zu öffnen.

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend stieg sie leise die mit Holzintarsien geschmückte breite Treppe zum zweiten Stock hinunter. Unten angekommen verharrte sie. Hier war es deutlich heller, da auf diesem Stockwek mehr Öllampen leuchteten, die an eisernen Haken an den Wänden befestigt waren. Auf ihre Tarnfähigkeit vertrauend, schlich Taleea sich an eine der breiten Türen heran. Seltsame Muster und Runen waren mit unterschiedlich farbigem Holz in die Tür eingearbeitet. Die Waldläuferin konnte kein Geräusch hinter der Tür hören und öffnete vorsichtig den einen Flügel. Dahinter lag ein großer dunkler Raum. In zahlreichen Regalen stapelten sich Bücher und Schriftrollen, zum Teil sogar Schiefertafeln, in die vermutlich Schriftzeichen geritzt waren. Taleea speicherte den Raum gedanklich als "Die Bibliothek" ab. Sie schloss die Tür wieder und bewegte sich langsam zur nächsten.

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« Antwort #19 am: 27. Oktober 2003, 17:48:57 »
Als Taleea an der nächsten großen Tür lauschte, meinte sie, das leise Knistern eines Kaminfeuers zu hören. Sie spähte durchs Schlüsselloch, konnte jedoch auf der anderen Seite nichts erkennen. Mit klopfendem Herzen drückte sie langsam und vorsichtig die Klinke der Tür herunter. Sie überprüfte noch einmal ihre Tarnung. Dann öffnete sie die Tür einen Spalt breit. Ein rascher Blick durch den Spalt enthüllte einen großen Raum, der von einem flackernden Feuer in einem riesigen Kamin und einigen großen Kohlebecken schummrig erhellt war. Vor zwei hohen Fenstern stand ein großer Schreibtisch, hinter dem ein gewaltiger Sessel stand, dessen Rückenlehne mit dunklem Leder besetzt war. Hohe Regale, in denen Bücher, Schriftrollen und zahlreiche merkwürdige Gegenstände lagerten, standen an den Wänden des Raumes. Der Fußboden bestand aus polierten Holzbohlen, in die seltsame Runen und Bilder eingelassen waren.

Ansonsten war der Raum leer, niemand war zu sehen. Leise schlüpfte Taleea durch die Tür und schloss sie hinter sich. Ihr Blick fiel auf die zahlreichen Schriftstücke, die sich auf dem großen Schreibtisch stapelten. Auf Zehenspitzen durchquerte sie das Zimmer. Am Schreibtisch blieb sie stehen. Sie versuchte, sich die Lage der zahlreichen Zettel, Schriftrollen und Papiere einzuprägen, um sie später genauso wieder hinlegen zu können. Die meisten Schriftstücke waren für sie  unverständlich. Runen und magische Symbole waren zum Teil hastig, zum Teil mit großer Präzision darauf gemalt. Andere Papiere jedoch enthielten lange Zahlenkolonnen, offenbar handelte es sich um Einnahmetabellen. Aber für was? Sie stöberte weiter. Dann erstarrte sie. Eine Schriftrolle trug die Aufschrift "Beschreybung der Portale, als seyt Neuestem in den Abgrunt der Finsternis führen und daselbst gefunden werden können". Sie setzte sich auf den hohen Sessel und öffnete die Rolle. Das Papier war alt und brüchig, deshalb musste sie sehr vorsichtig sein. Sie begann zu lesen.

Offenbar handelte es sich um einen Text aus der Zeit, als sich die Tore zum Abgrund der Finsternis das erste Mal öffneten. Der Autor, offenbar ein Seoltoir, ein Portalmagier, beschrieb bis ins kleinste Detail die magische Natur der Portale. Taleea verstand nur einen Bruchteil des altertümlichen Textes, der mit magischen Fachausdrücken gespickt war. Dann fiel ihr Auge auf eine Passage im Text, die mit roter Tinte unterstrichen worden war. Sie schauderte. "So sey eyndeutig beleget, dass die Creaturen und Daimones, so den Abgrunt der Finsternis bewohnen, diesen nicht durch die Portale zu verlassen im Stande seyen. So aber die zufürderst aufgeführten Conditiones gegeben seyen, so mag es doch einem machtvollen Magus gelingen, einen der finsteren Daimones durch eynes der Portale zu translocieren. Alldieweil jedoch die Natur der Creaturen sich nicht vertraget mit der Natur unserer Welt, so vermag allein das Bluth eines Opfers aus der hiesigen Welt die notwendige Verbindung herzustellen, die dem Daimon die Kraft verleihet, ein Portal zu durchschreiten. Wer jedoch währe Willens, dieses Opfer zu erbringen? Und wer wollte solche Bestyen in unser geliebtes Hybernia
einlassen? So sollen die Portale den für alle Zeyten für die verruchten Creaturen verschlossen bleyben."

Fassungslos blickte Taleea auf das eine Wort, das in anderer Handschrift mit krakeligen, großen Buchstaben neben den letzten Satz gekritzelt war: "NEIN".

"Schau mal einer an, wen haben wir denn da?" Vor Schreck fuhr Taleea zusammen. Sie starrte die Gestalt in der roten Robe an, die in der Tür stand. In dem Moment wusste sie, dass diese Gestalt mit den wütenden Augen problemlos durch ihre Tarnung blicken konnte und sie am Schreibtisch sitzen
sah.

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« Antwort #20 am: 03. November 2003, 18:29:15 »
Taleeas Gedanken rasten. Was sollte sie tun? Verzweifelt blickte sie sich um. Die Fenster, das war ihre Chance. Sie sprang auf und raste auf eines der großen Fenster zu. Doch mitten im Lauf erstarrte sie. Voller Panik bemerkte sie, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Sie stand halb gebückt und konnte keinen Finger rühren. Sie hörte die Gestalt leise im Hintergrund lachen. Ein gemeines, finsteres Lachen.

Dann hörte sie eine zweite Stimme sagen: "Wir sollten die Tür schließen, Meister. Sonst bekommen die Uneingeweihten noch etwas mit." Die Tür wurde geschlossen, ein Schlüssel herumgedreht. Leise Schritte näherten sich. Verzweifelt kämpfte Taleea gegen die unsichtbaren Fesseln an, die sie
erbarmungslos umklammerten. Aber es nützte nichts. Schließlich bliebt jemand neben ihr stehen. Taleea konnte nur das untere Ende der roten Robe erkennen, da ihr Blick abwärts gerichtet war.

Sie spürte, wie ihr die Gestalt ihre Dolche aus dem Gürtel zog und mit einem raschen Schnitt die Rucksackriemen durchtrennte. "Schau nach, was sie da drin hat", befahl die Gestalt in der roten Robe der anderen im Raum befindlichen Person.

"So, du kleine Diebin. Und wer bist du? Was suchst du? Wer hat dich geschickt?" Die Stimme war jetzt scharf, direkt an ihrem Ohr. Aber selbst, wenn sie gewollt hätte, sie konnte nicht antworten. Ihr Kiefer ließ sich nicht öffnen.

"Kennst du sie?", fragte die Gestalt die andere Person. "Nein, Meister. Sie ist mit unbekannt", kam die Antwort. Die Gestalt in der roten Robe war inzwischen zum Schreibtisch gegangen. Als sie die geöffnete Schriftrolle erkannte, in der Taleea gelesen hatte, fluchte sie. "Das ist der Beweis. Die verdammten Bastarde von Caim en ceven haben sie geschickt. Du hattest Unrecht, wieder einmal. Sie werden nie aufgeben, bis wir sie vollständig zerschmettert haben!" Die Stimme der Gestalt hatte inzwischen einen fahrigen, fast kreischenden Tonfall angenommen. Vorsichtig wandte die andere Person ein: "Ich weiß nicht, Herr, sie macht mir eher den Eindruck einer gewöhnlichen Diebin. Caim en ceven hätte doch bestimmt einen geschickteren Einbrecher..." "Halt den Mund!", brüllte die Gestalt. "Wir hätten schon vor Monaten mit ihnen vollständig aufräumen sollen. Nur einige wenige von ihnen zu töten, war ein Fehler. Sie müssen alle sterben! Alle!"

Die Gestalt raste nun vor Wut. Schließlich beruhigte sie sich etwas. Dann befahl sie: "Los, hol sofort die Erzmagier zusammen, sie sollen sofort hier erscheinen!" "Ja, Meister." Die andere Person verließ den Raum, während die Gestalt sich wieder Taleea zuwandte. "Du willst also nicht reden, nein? Das
wirst du bereuen. Ich bekomme meine Antworten schon." Sie lachte hässlich. Offenbar hatte sie in ihrer Wut völlig vergessen, dass ihr Zauber Taleea jede Möglichkeit zum Antworten geraubt hatte.

Schließlich öffnete sich die Zimmertür wieder und Taleea hörte, wie mehrere Personen den Raum betraten. Die Tür wurde wieder geschlossen. "Die Erzmagier, Herr", sagte die Stimme der Person, die zuvor schon im Zimmer gewesen war.

Die Gestalt wandte sich den Neuankömmlingen zu, von denen Taleea aber nichts erkennen konnte. "Diese kleine Elfenhure", sagte die Gestalt, "ist heute Nacht in mein Arbeitszimmer eingedrungen. Ich bin mir sicher, dass die Verfluchten von Caim en ceven sie zu uns geschickt haben. Jetzt ist es
endgültig vorbei! Nun werden wir sie zerschmettern. Sie haben sich das letzte Mal in unsere Angelegenheiten eingemischt. Wann ist unser Freund wieder einsatzfähig?" Taleea hörte, wie sich jemand räusperte und dann mit zittriger Stimme sagte: "In drei bis vier Tage etwa, oh Mächtiger." "Was?", brüllte die Gestalt. "Das ist nicht akzeptabel! Ich will, dass er morgen Abend bereit ist." "Aber..." "Ruhe! Ich will nichts hören!" Die Gestalt lief erregt durchs Zimmer. "Aber das ist nicht alles. Ich will, dass er Verstärkung bekommt. Morgen Abend, wenn Vollmond ist, werden wir das Portal in den Abgrund der Finsternis erneut öffnen. Und diesmal holen wir nicht nur einen Okabi hindurch, sondern mindestens drei!" Im Zimmer herrschte einen Moment lang schockiertes Schweigen. Dann flüsterte jemand verzweifelt: "Meister, das ist nicht möglich. Wir können schon den einen kaum beherrschen. Es wird uns niemals gelingen, vier von ihnen zu unterwerfen. Außerdem bräuchten wir für jeden von ihnen ein Menschenopfer..." Die Gestalt lachte hässlich auf. Taleea spürte, wie sich
eine Hand auf ihre Schulter legte. "Eines haben wir ja schon." Eiseskälte machte sich in ihr breit.

"Für die anderen müssen dann eben zwei der uneingeweihten Seoltoir her halten. Bedauerlich, aber nicht zu ändern. Ihr Verschwinden müssen wir dann eben vertuschen. Und was die Kontrolle angeht: Die muss nur ein paar Stunden anhalten. Nur solange, bis unsere Feinde vernichtet sind. Was
danach passiert, ist mir egal. Sollen die Okabi doch in Tir na nÓg wüten. Irgendwann werden sie schon getötet. Wir können immer neue holen, wenn es nötig ist. Und in ihrer Angst werden die Leute bereit sein, jedem zu folgen, der ihnen Rettung versprechen kann. Besonders uns. Und nun los!
Nehmt dieses kleine Miststück hier mit und beginnt mit den Vorbereitungen. Ihr wisst, wie umfangreich sie sind." Auch wenn sie kaum etwas erkennen konnte, spürte Taleea, wie sich angesichts dieser Forderungen blanke Verzweifelung im Raum breit machte. Aber das war nichts gegen die
Verzweifelung in ihrem Herzen.

******

Der Mann im dunklen Mantel konnte seine Flüche mit Mühe so lange zurückhalten, bis die Erzmagier Taleea weggeschleppt hatten und die Gestalt in der roten Robe sich zurückgezogen hatte. Dann brach es aus ihm heraus. Wütend hämmerte er mit den Fäusten auf den Schreibtisch, auf dem noch die Schriftrolle, in der die Waldläuferin gelesen hatte, lag.

Die kleine unfähige Schlampe. Warum musste sie so eine dämliche Aktion starten? Der ganze große Plan war gefährdet. Ihr unbedachtes Handeln hatte dazu geführt, dass die Portalzauberer nun überstürzt losschlagen würden.

Nur mit Mühe beruhigte er sich. Er blickte durch eines der hohen Fenster hinaus in die Nacht. Ihm war klar, dass er jetzt handeln musste. Und zwar schnell. Vermutlich wusste niemand, dass Taleea hier war. Deshalb würde er sich selbst unmittelbar ins Geschehen einmischen müssen. Er hasste das,
aber es gab keinen anderen Weg.

Eilig warf er sich seinen Mantel über und verließ in aller Stille das Gildenhaus der Portalzauberer durch einen Seiteneingang.

******

Ratlos starrte Teslin auf den Zettel, den Algon ihm hinhielt. "Was ist das?" "Schau selbst. Das habe ich eben unter meiner Tür gefunden. Taleea muss den Zettel heute Nacht unter der Tür  durchgeschoben haben." Teslin las die kurze Botschaft und reichte den Zettel dann an Felips weiter.

Die drei jungen Templer saßen im Speisesaal der Templerfeste, das Frühstück stand vergessen vor ihnen.

"Was soll das? Ist sie verrückt geworden?", fragte Felips erregt, nachdem er die Botschaft gelesen hatte, in der Taleea ihr Vorhaben ankündigte, ins Gildenhaus der Portalzauberer eindringen zu wollen.

"Ich weiß es nicht", antwortete Algon verstört. "Sie ist auf jeden Fall noch nicht zurückgekommen. Ihr Zimmer ist leer." "Vielleicht ist sie nach dem Einbruch erstmal zurück in die Herberge gegangen...", mutmaßte Teslin.

Die Drei blickten sich besorgt an. "Los, lasst uns zu ihrer Herberge gehen. Wir müssen Gewissheit haben!" Erregt sprang Algon auf. Teslin nickte. "Aber lass uns Waffen mitnehmen, wer weiß, was uns bevor steht."

Hastig verließen die drei Templer den Speisesaal und eilten in ihre Zimmer, um ihre Waffen zu holen.

******

Alles in allem war der Mann im dunklen Mantel mit sich ganz zufrieden. Dafür, dass er so wenig Zeit gehabt hatte, war sein Werk recht überzeugend geworden. Der kurze Brief, den er in Taleeas Handschrift gefälscht hatte, lag gut sichtbar auf ihrem Bett in der Herberge. Dort einzubrechen und in
ihren Sachen nach alten Briefen zu suchen, war noch die einfachste Übung gewesen. Der halbfertige Brief an ihre Eltern, den er in einer ihrer Taschen gefunden hatte, war dann aber ein wahrer Glücksgriff. Er hatte als Vorlage für seine Fälschung ausgereicht.

Nun hieß es, auf die Besorgnis ihrer Freunde zu setzen. Im Schatten der Gasse, die dem Eingang von Taleeas Herberge gegenüber lag, wartete er.

Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt. Als er die drei jungen Templer hastig in die Taverne marschieren sah, lächelte er schief. Dann verschwand er im Gewirr der Gassen Tir na nÓgs, um seinem wahren Herrn Bericht zu erstatten.

******
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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #21 am: 19. November 2003, 17:26:55 »
Gereizt zerrte Taleea an ihren Ketten. Sie scheuerten und schmerzten an den Hand- und Fußgelenken, wo eiserne Klammern Taleeas Gliedmaßen erbarmungslos umschlossen. Das Zerren brachte natürlich überhaupt nichts, was ihre Frustration nur weiter steigerte. Wütend starrte sie die Ketten an, die an der Wand befestigt waren und ihr nur wenig Bewegungsspielraum ließen. Aber trotz ihres drohenden Blickes wollten die Ketten einfach nicht zu Staub zerfallen. Das flackernde Licht einer einzelnen Fackel, das durch die Gittertür drang, beleuchtete den winzigen Verliesraum, in dem sie sich befand, nur spärlich. Das Gitter führte zu einem kurzen Gang, der an einer Tür endete. Hinter dieser Tür befand sich ein großes Gewölbe, wie sie gesehen hatte, als man sie in den Keller des Gildenhauses der Portalmagier geschleppt hatte. Ein düsteres Singen drang durch die Tür und ließ sie erschauern. Die verrückten Zauberer bereiteten das Ritual zur Herbeirufung weiterer Monster vor ... und sie sollte darin eine wesentliche Hauptrolle spielen. Inzwischen hatte sie die Phase, wo ihr die Angst die Kehle zugeschnürt hatte, überwunden. Jetzt war sie eigentlich nur noch wütend. Laut fluchte sie auf diese Irren.

Aber noch lauter schimpfte sie auf sich selbst. Wie hatte sie so dumm sein und ohne Rückendeckung in das Haus eindringen können?

Ob Algon und die anderen aus der Botschaft, die sie hinterlassen hatte, die richtigen Schlussfolgerungen ziehen würden? Oder würden sie zu spät reagieren?

Taleea kämpfte gegen die aufkommende Panik an und begann wieder an den Fesseln zu zerren. Sie musste hier raus. Um jeden Preis.

Der düstere Gesang aus der Ferne war Motivation genug.

******

Skeptisch starrte Großmeister Laoin auf den Zettel mit Taleeas Botschaft in seiner Hand. Dann blickte er Großmeister Phadric und die drei jungen Templer an. "Darf ich mal erfahren, warum wir von eurem kleinen "Projekt" bisher nichts erfahren haben? Ich meine, es geht ja lediglich um eine der größten Verschwörungen in der Geschichte Hibernias. Wenn das denn alles stimmt. Wovon ihr mich wirklich noch nicht überzeugt habt."

Großmeister Rimbald, der auf der anderen Seite des großen runden Tisches in einem schweren Holzsessel saß, räusperte sich und blickte Algon nachdenklich an. "Ihr erwartet eine ganze Menge von uns." Er machte eine ausholende Geste. "In dieser Ratskammer sind schon viele wichtige Entscheidungen getroffen worden. Aber das, was ihr von uns verlangt, könnte eine der folgenreichsten Entscheidungen für die Dunklen Templer überhaupt sein. Ihr behauptet, dass die Portalmagier ? oder zumindest ein Teil von ihnen ? in eine Verschwörung verstrickt sind und ihre Macht dazu genutzt haben, ein furchtbares Monster auf das Reich loszulassen. Und nun sogar noch mehr Monster herbeirufen wollen. Und all eure Beweise sind ein Zettel eines Mädchens, das noch nicht einmal unserem Orden angehört und wirre Berichte über Kämpfe mit einem Verstümmelten Okabi. Und nun verlangt ihr, dass wir Templer in das Gildenhaus der Portalmagier eindringen sollen, eure Freundin befreien und die Seoltoir daran hindern, ein Ritual zu vollziehen, das angeblich heute Abend stattfinden soll. Ich hoffe, ihr versteht, dass ich da ziemlich skeptisch bin. Wenn eure Behauptungen nicht stimmen, dann sind wir Templer erledigt, wenn wir eurer Bitte Folge leisten. Die Portalmagier sind eine mächtige Vereinigung, die beim Hof höchste Wertschätzung genießt. Ihr Führer, Lord Albron, sitzt im Hohen Reichsrat und hat das Ohr unserer Reichsoberen. Er ist zwar ein wirklich merkwürdiger Elf, aber er macht auf mich nicht den Eindruck eines skrupellosen Verbrechers. Man wird uns zerschmettern, wenn ihr euch irrt und wir grundlos in den Gildensitz der Portalmagier eindringen."

Großmeister Eartai, der bis zu diesem Moment an einem der großen Bogenfenster gestanden hatte und auf den Hof der Templerfeste geblickt hatte, drehte sich um und starrte Algon an. "Ich gehe sogar noch weiter. Was ihr uns bis jetzt überhaupt nicht geliefert habt, das ist eigentlich das Wichtigste: ein Motiv. Warum sollten die Portalmagier ... einige Portalmagier ... denn eine solche Verschwörung anzetteln? Das will mir nicht einleuchten."

Als Großmeister Phadric, den Algon dazu gebracht hatte, die Anführer der Dunklen Templer zu einer Krisensitzung zusammenzurufen, schwieg, begann Algon zögernd zu sprechen:

"Eminenzen, wir haben tatsächlich kein Motiv für die Verbrechen der Portalmagier finden können. Uns ist auch nicht klar, warum sie diesen geheimen Krieg gegen Caim en ceven begonnen haben. Aber es ist eine Tatsache, dass nur die Seoltoir in der Lage waren, einen Okabi aus dem Abgrund der Finsternis zu befreien und auch zu kontrollieren. Da sind sich diejenigen, die es beurteilen können, einig. Und es war ein Okabi, Eminenzen. Da bin ich mir ganz sicher. Ich habe gegen ihn gekämpft. Nun ist unsere Freundin, die die Machenschaften der Zauberer erkunden wollte, verschwunden. Wenn Taleea schreibt, dass heute ein weiteres Herbeirufungsritual stattfinden soll, dann stimmt dies auch mit Sicherheit. Ich verbürge mich für sie..."

Eartai unterbrach ihn mit einem verächtlichen Schnauben. "Entschuldige bitte, Algon. Aber deine Taleea ist ja wohl kaum eine vertrauenswürdige Quelle. Du sagst ja selbst, dass sie bei den Portalmagiern eingebrochen ist. Das sagt doch schon einiges über ihren Charakter aus, nicht wahr?"

"Taleaa ist eine ganz tolle Person und eine wirklich gute Freundin!", platzte da Felips ärgerlich heraus. "Wir können sie doch nicht einfach von ein paar verrückt gewordenen Zauberern umbringen lassen!" Beruhigend legte Algon ihm die Hand auf die Schulter.

"Es tut mir leid, Felips, aber an dem, was Eartai sagt, ist etwas dran", warf Großmeister Laoin ein. "Ich formuliere es jetzt einmal ganz hart: Für die Gilde wäre es vermutlich besser, wenn wir die Situation einfach nur beobachten würden. Wenn ihr Unrecht habt, dann haben wir unseren Orden nicht unnötig gefährdet. Wenn ihr aber Recht habt, dann stirbt Taleea zwar und wir haben es mit mehreren Monstern aus dem Abgrund der Finsternis zu tun, die in Tir na nÓg herumlaufen. Aber seien wir ehrlich: wir haben alle schon gegen Okabis und andere Bestien aus dem Verlies gekämpft. Die sind zwar furchtbar, aber man kann sie besiegen. Auch mehrere. Wir könnten also immer noch später reagieren."

Entsetzt starrte Algon den kleinen Beschwörer an. "Das kann nicht Euer Ernst sein, Eminenz. Wir können doch nicht einfach zusehen, wenn..." Seine Stimme versagte.

Mit leiser, aber eindringlicher Stimme begann Großmeister Phadric, der bis dahin geschwiegen hatte, zu sprechen.

"Laoin, so kenne ich dich gar nicht. Ist das nun nur persönliche Feigheit oder hat dich deine Aufgabe als einer unserer Gildenleiter wirklich so übervorsichtig gemacht?" Mit einer Handbewegung unterbrach er den wütend aufbrausenden Beschwörer. "Wir Dunklen Templer haben uns einmal zusammengeschlossen, um das Böse von unserem Reich abzuwenden. Ob es nun aus einem der feindlichen Reiche oder von innen kommt. Wir sind diejenigen, die das letzte Bollwerk gegen die Feinde Hibernias bilden. Wir Templer kämpfen an allen Fronten und haben uns einiges an Ruhm und Ehre erworben. Aber nicht, weil wir uns ständig umschauen und gucken, ob unsere Handlungen politisch korrekt sind, sondern weil wir danach entscheiden, was wir für gut und richtig erachten.

In allen Reichen gibt es nichts Übleres als die Dämonen aus dem Reich der Finsternis. Das weißt du ganz genau. Nein, ich korrigiere mich, es gibt doch etwas Übleres. Und das sind Verräter, die solche Dämonen in unser Reich hineinlassen.

Ich sage: es ist unsere Pflicht, die Anrufung weiterer Dämonen zu verhindern und damit auch Taleea zu retten. Was, wenn nicht dies, wäre unsere Aufgabe als Orden Hibernias?"

Schweigen breitete sich aus. Vorsichtig schaute Algon in das wütende Gesicht des kleinen Lurikeen-Beschwörers, der jedoch nichts auf Phadrics Vorwürfe erwiderte.

Schließlich meinte Großmeister Rimbald nachdenklich: "Ich kann nicht glauben, dass alle Portalmagier in diese angebliche Verschwörung verwickelt sein sollen. Ihr alle kennt Glasny aus Druim Ligen. Na gut, mir geht sie mit ihren ewig gleichen Sprüchlein auch auf die Nerven, aber eine
Verschwörung, um Dämonen ins Reich zu lassen? Nein, ich will einfach nicht glauben, dass sie sich an so etwas beteiligen würde."

"Es müssen ja auch nicht alle Seoltoir in die Verschwörung verwickelt sein", wandte Algon vorsichtig ein. "Taleea schreibt ja in ihrer Botschaft, dass nur 'Teile der Portalmagier' daran beteiligt sind. Vielleicht wissen die meisten Seoltoir davon ja gar nichts und es handelt sich bei den Mördern lediglich um einen Geheimbund in der Gilde der Seoltoir."

"Alles reine Spekulation", knurrte Laoin. "Wir haben keine Beweise. Nichts. Gar nichts. Ihr wisst, was das bedeutet. Wir könnten nicht warten, bis die Reichswache etwas unternimmt, sondern müssten selbst handeln, alle waffenfähigen Templer zusammenrufen und heute Abend das Gildenhaus der
Portalmagier stürmen. Es wird Tote geben. Das ist unvermeidlich." Müde schüttelte er den kahlen Kopf. "Seid ihr dazu bereit?", fragte er die anderen Gildenoberen.

Wieder herrschte Schweigen. Nervös beobachtete Algon die vier in Gedanken versunkenen Anführer der Dunklen Templer.

Schließlich nickte Großmeister Eartai, der Waldläufer. "Weißt du, Laoin, ich glaube, Phadric hat Recht. Manchmal muss man ein Risiko eingehen, um das Richtige zu tun. Wir sollten etwas unternehmen."

Großmeister Rimbald stimmte ihm leise zu: "Ich denke auch. Die Gefahr für unseren Orden ist ohne Frage groß, aber die Gefahr für das Reich ist ungleich größer, wenn wir zulassen, dass jemand die Dämonen auf die ahnungslose Bevölkerung Hibernias loslässt." Er starrte den Lurikeen an. "Wir sollten zuschlagen."

Phadrics Augen glühten, als er Rimbald zunickte. "Meine Meinung kennt ihr."

Einen Moment saß Großmeister Laoin gedankenverloren auf seinem Sessel. Dann seufzte er. "Nun gut. Damit ist es wohl entschieden. Wir werden also gegen die Portalmagier vorgehen. Ich schlage vor, dass wir zur ersten Abendstunde die Templer in der großen Halle versammeln. Sie sollen voll ausgerüstet erscheinen. Dann erklären wir ihnen, was wir vorhaben. Und dann ..." Er zuckte mit den Schultern. "Warten wir ab, was wir bei den Seoltoir vorfinden."

Großmeister Phadric erhob sich. "Ich werde mal auskundschaften, ob es noch einen anderen Weg in das Gildenhaus gibt als den Haupteingang. Irgendwie kann ich mir kaum vorstellen, dass die ihr Ritual in der Empfangshalle im Erdgeschoss durchführen."

Teslin stieß Algon heimlich mit dem Ellbogen in die Rippen. Als der sich umdrehte, sah er in das grinsende Gesicht seines Freundes. "Siehst du? Geht doch."

"Hoffentlich bereuen wir das nicht", flüsterte Algon.

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #22 am: 20. November 2003, 11:48:58 »
Mit Tränen in den Augen betrachtete Taleea ihre blutigen Handgelenke. Alles Zerren an den Fesseln hatte nichts genützt, sondern lediglich ihre Haut aufgerissen.

Die Angst war in voller Stärke zurückgekehrt. Der finstere Gesang aus dem großen Gewölbe war inzwischen lauter, intensiver und drängender geworden. Offenbar waren die Vorbereitungen für das Ritual schon recht weit fortgeschritten.

Sie biss sich auf die Unterlippe, um das unkontrollierte Zittern zu unterdrücken.

Plötzlich öffnete sich die Tür zu dem kleinen Gang vor ihrem Verlies. Mehrere Gestalten in roten Roben traten hindurch, der Gesang war jetzt laut und vernehmlich. Eine der Gestalten, eine Frau, trat an die Gittertür heran und machte eine seltsame Geste mit ihrer rechten Hand. Taleea spürte, wie sie wieder einmal völlig bewegungsunfähig wurde. Nicht das kleinste Zucken wollte ihr gelingen.

„Los, holt sie da raus“, befahl die Frau.

Mit einem Schlüssel wurde die Gittertür geöffnet und vier der Gestalten traten hindurch. Sie lösten Taleeas Fesseln, die in ohnmächtiger Wut zusehen musste, wie ihre Hände auf den Rücken gebunden wurden.

Nachdem sie sicher verschnürt war, gab die Frau den anderen Gestalten ein Zeichen und Taleea wurde aus dem Verlies herausgeschleppt.

Durch den kurzen Gang betrat die Gruppe schließlich das mächtige Gewölbe, durch das man Taleea schon zuvor hindurchgebracht hatte, bevor man sie in das kleine Verlies sperrte.

Zu dem Zeitpunkt war der Raum nur von einigen kleinen Lampen erhellt gewesen. Jetzt aber erleuchteten große Feuerbecken auf hohen Ständern das Gewölbe und tauchten das Geschehen darin in ein zuckendes, helles Licht. Mächtige Säulen aus düsterem grauen Stein trugen die Bogendecke des Raumes, von dem offenbar mehrere dunkle Gänge abgingen.

In der Mitte des Raumes war eine große Fläche ohne Säulen. Hier war das Gewölbe deutlich höher als im Rest des Raumes. Der Boden war an dieser Stelle mit einem großen Gemälde bemalt. Jedenfalls dachte Taleea dies zunächst, bis ihr ein genauerer Blick gelang. Es war offenbar kein Gemälde, sondern eine Art Ritualkreis mit komplizierten magischen Symbolen, die mit roter Farbe auf den Boden gepinselt waren. Rote Farbe? Blut? Man konnte es nicht erkennen.

Selbst Taleea, die mit Magie wenig zu tun gehabt hatte, konnte die Macht spüren, die von der rituellen Zeichnung ausgehen, der Raum waberte fast vor Energie.

An bestimmten markierten Stellen des Ritualkreises standen Gestalten, die die selben roten Roben trugen, wie diejenigen, die Taleea durch den Raum schleppten. Diese Gestalten machten merkwürdige Gesten und sangen düstere Verse in einer Sprache, die Taleea nicht verstand.

Schaudernd erkannte sie vier im Boden eingelassene Pfähle, die verteilt über den Ritualkreis standen. Eiserne Ketten hingen von ihnen herab. Verzweifelt versuchte sie, sich zu bewegen, jedoch vergeblich. Sie wurde zu einem der Pfähle geschleppt und dagegen gestellt. Dann wurden ihre Gelenke mit den kurzen Eisenketten an den Pfahl gefesselt.

Angstvoll beobachtete sie das Geschehen um sich herum. Die Gestalten, die sie herbeigeschleppt hatten, verschwanden wieder in einem der Gänge, während die anderen ihre Vorbereitungen fortsetzten, indem sie den Ritualkreis weiter mit magischen Symbolen ausmalten, merkwürdige Flüssigkeiten an bestimmten Stellen vergossen, düster glühende Steine auf Markierungen positionierten oder einfach nur magische Gesten ausführten. Und sangen. Der düstere Gesang ging Taleea inzwischen mächtig auf die Nerven und unterbrach ihre Bemühungen, sich aus dem Lähmungszauber zu befreien, der sie gefangen hielt.

Plötzlich betrat die Frau in der roten Robe mit den vier anderen Gestalten, die Taleea hergebracht hatten, wieder das Gewölbe. Sie schleppten einen regungslosen Körper, der genau wie Taleea an einen der Pfähle gefesselt wurde. Erstaunt bemerkte sie, dass der junge Mann die blaue Robe der Portalzauberer trug. Genau wie sie war er von einem Zauber gelähmt. Nur seine angstvoll geweiteten Augen ließen darauf schließen, dass er mitbekam, was um ihn herum geschah.

In den nächsten Minuten brachten die Gestalten noch einen weiteren jungen Mann und eine junge Frau heran und fesselten sie an die verbliebenen Pfähle. Auch sie trugen die Roben der Seoltoir und waren gelähmt.

Schließlich waren die Vorbereitungen der rot gekleideten Gestalten beendet, die letzte Rune gemalt, der letzte Fokusstein positioniert. Die Gestalten nahmen Positionen in und um den Ritualkreis herum ein. Dann zogen sie ihre Kapuzen herab. Darunter kamen Männer und Frauen, Elfen, Menschen und Lurikeen zum Vorschein. Auch ein Firbolg und ein Sylvaner waren dabei. Und alle fielen in diesen entnervenden düsteren Gesang ein.

Mit einem Mal sank der Gesang zu einem dunklen Murmeln herab und die rot gekleideten Zauberer verneigten sich wie auf Befehl tief. Aus dem Augenwinkel bemerkte Taleea eine groß gewachsene Gestalt in einer tiefroten Robe, die sich dem Ritualkreis nährte und offenbar das Ziel der Ehrerbietung war.

Schließlich erkannte Taleea den Neuankömmling. Es war die Gestalt, die sie in dem Raum oben im Gildenhaus der Portalmagier entdeckt hatte.

Die Gestalt blieb vor dem Ritualkreis stehen. Dann trat sie hinein und schritt zu einer Stelle nahe dem Zentrum des Kreises. Dort verharrte sie mit gesenktem Haupt. Plötzlich hob sie den Kopf und zog die Kapuze herab, die bis dahin ihr Gesicht verdeckt hatte.

Beim Anblick des Gesichtes stockte Taleea der Atem. Ein wunderschöner Elf mit ebenmäßigen Zügen. Doch die Augen Mannes ruinierten den Eindruck von Schönheit. Sie glühten in einem bösartigen dunklen Feuer. Ein Schauder drang ihr bis ins Mark, als der Blick des Elfen sie streifte.

Auf der Brust des Mannes funkelte ein seltsames Amulett. Glitzernde Edelsteine fesselten Taleeas Aufmerksamkeit. Das Amulett zeigte eine Frau auf einem springenden Pferd, das sich zu den Sternen erhob. Es strahlte große Macht aus.

Plötzlich drang ein Röcheln an Talees Ohren. Sie verdrehte die Augen, um nach dem Urheber zu schauen. Es war offenbar einer der jungen Männer in blauer Robe, die an einen der Pfähle gekettet waren. Ihm schien es zu gelingen, sich aus dem Lähmungszauber zu befreien.

„Lord Albron“, krächzte der Mann. „Was geschieht hier? Warum sind wir gefesselt?“

Der Elf starrte den jungen Mann mit einem düsteren Lächeln an. „Ihr seid hier, weil ihr eine Hauptrolle in einem bedeutenden Ritual erfüllen werdet. Leider werdet ihr das Ergebnis des Rituals nicht mehr erleben, aber glaubt mir, euer Beitrag wird nicht vergessen werden.“ Er lachte leise und grausam.

Jegliches Blut war aus dem Gesicht des jungen Portalzauberers gewichen. „Aber Herr, was haben wir getan? Was tut Ihr hier?“ Wütend blickte der Elf ihn an. „Ihr unwissenden Narren. Ihr werdet als Opfer dienen, damit wir Erleuchteten unsere Feinde zerschmettern können und nun schweig!“

Verängstigt schwieg der junge Mann. Doch plötzlich erklang ein leises Scharren und Kratzen auf Stein. Eine mächtige düstere Gestalt kroch in den Raum und baute sich an einer Wand auf, immer beobachtet von Lord Albron, der die Gestalt mit leichten Bewegungen seiner Finger zu lenken schien.

Als der Dämon aus dem Abgrund der Finsternis, der Verstümmelte Okabi, seine mächtigen Flügel ausbreitete, begann der junge Mann zu schreien.

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #23 am: 20. November 2003, 16:57:37 »
Die große Versammlungshalle der Dunklen Templer war gut gefüllt. Obwohl eine ganze Reihe von Templern den Orden vor nicht langer Zeit verlassen hatten, war die Zahl derer, die in leise Gespräche vertieft in der Halle standen, dennoch noch immer beträchtlich. Allerdings waren auch zahlreiche Novizen dabei, wie Algon bemerkte.

Er und seine beiden Freunde standen etwas abseits und beobachteten, wie immer mehr Templer in die Halle strömten und um den zentralen Mittelpunkt Aufstellung nahmen. Da es sich nicht um eine formelle Sitzung des Ordens handelte, standen Kämpfer, Magier, Nachtschatten und all die anderen Klassen, die bei den Dunklen Templern vertreten waren, gemischt herum und hatten sich nicht ihren Pfaden entsprechend geordnet. Die Anwesenden waren ohne Ausnahme bis an die Zähne bewaffnet.

Algon sah viele fragende Blicke, die sich die Templer zuwarfen. Noch war den meisten unbekannt, warum sie zusammengerufen worden waren.

Plötzlich öffnete sich die kleine Pforte, die zu einem Nebenraum der Halle führte, und die vier Großmeister betraten die Halle. Das allgemeine Murmeln erstarb und Schweigen breitete sich aus, als die Vier in die Mitte der Halle schritten.

Großmeister Eartai betrat das flache Podium in der Hallenmitte, die anderen nahmen hinter ihm Aufstellung.

Ohne Umschweife begann er zu sprechen, seine Stimme hallte durch die große Halle:

„Ihr Templer, höchst beunruhigende Nachrichten haben uns erreicht. Einige unserer Gildenmitglieder haben eine widerwärtige Verschwörung aufgedeckt, in die eine der bedeutendsten Gruppierungen in unserem Reich verstrickt ist. Diese Verschwörung richtet sich gegen jeden Bewohner Hibernias.

Ihr Templer, wir mussten erfahren, dass einige der höchsten Seoltoir, der Portalmagier, ihre Kräfte dazu missbraucht haben, einen Dämon aus dem Abgrund der Finsternis zu befreien und diesen auf ausgewählte Opfer loszulassen, die ihren bösartigen Zielen im Wege standen.“

Ungläubiges Staunen machte sich auf den Gesichtern vieler Anwesenden breit und mancher war kurz vor dem Protestieren, doch Eartai fuhr gnadenlos fort.
„Ihr alle habt von den grausigen Morden gehört, denen in den letzten Wochen in Mag Mell und Tir na nÓg eine Reihe von Personen, wichtige und  weniger bedeutende, zum Opfer gefallen sind. Ordensschwestern und Ordensbrüder, wir sind davon überzeugt, dass hinter diesen Morden besagte Seoltoir und ihr furchtbares Schoßhündchen stecken.“

Nun war im Hintergrund deutliches Murmeln zu hören. Sätze wie „kann nicht sein“, „unglaublich“ oder „das will ich einfach nicht glauben“ drangen an Algons Ohr.

„Noch schlimmer aber“, fuhr Eartai fort, „ist die Tatsache, dass diese Seoltoir für heute Nacht planen, weitere Dämonen aus dem Abgrund der Finsternis herbeizurufen. Dafür, ihr Templer, brauchen sie Menschenopfer.“

Aufgebrachte Schreie ertönten aus der Menge der versammelten Ordensmitglieder. Der Ruf „Beweise“ wurde laut.

Beschwichtigend hob Eartai die Hände. „Ihr Templer, ich bitte euch, uns in dieser Angelegenheit zu vertrauen. Wir haben Beweise, aber ich will euch nicht verheimlichen, dass sie nur sehr dünn sind. Dennoch: wenn wir Recht haben, aber zögern, werden heute Nacht Menschen sterben, sie werden den verfluchten Dämonen geopfert werden. Ganz zu schweigen von denen, die unter den Monstern leiden werden, die heute Nacht beschworen werden sollen. Wir, die Dunklen Templer, sind die einzigen, die dies verhindern können. Niemand sonst!“

Es war totenstill in der Halle geworden. Algon blickte nur noch in grimmige Gesichter.

Eartai zuckte mit den Schultern. „Letztlich, Templer, ist unsere Wahl so einfach, wie sie grausam ist: Entweder wir handeln, was bedeutet, das wir in das Gildenhaus der Portalmagier eindringen und dort gewaltsam nach dem Ort des Rituals suchen. Oder wir warten ab. Wenn wir handeln, dann besteht die Gefahr, dass sich die Verschwörung als Illusion erweist und unser Orden wegen eines schweren Verbrechens vom Rest des Reiches in der Luft zerrissen wird. Handeln wir nicht, erlauben wir unter Umständen dem absolut Bösen, sich in Hibernia breit zu machen und viele werden sterben.“

Er blickte ernst in die Runde. „Wir haben uns dafür entschieden, zu handeln!“

Eine Art kollektiver Seufzer ging durch die Reihen der Templer. Eartai drehte sich um und winkte Großmeister Phadric heran. „Phadric wird euch nun erklären, wie wir vorgehen werden.“

Der kleine Lurikeen-Nachtschatten betrat das Podium, nachdem Eartai dies verlassen hatte. Er räusperte sich und begann:

„Wir werden sofort zum Gildenhaus der Portalmagier aufbrechen. Es werden Gruppen gebildet, die sich dann einzeln aufmachen und sich zum Gildenhaus bewegen. Einzeln deshalb, damit wir nicht so auffallen, wenn wir schwer bewaffnet als große Gruppe durch Tir na nÒg ziehen. Ich bin vorhin bei dem Gildenhaus gewesen. Wie ihr wisst, liegt es an einem Hang, der hinter dem Gebäude nicht bebaut ist. Am Fuße des Hanges ist eine hinter Gebüschen fast verborgene Pforte. Ich bin mir sicher, dass der Weg dahinter in das Gildenhaus führt, es gibt dort sonst nichts, wo sie hinführen könnte. An dieser Pforte treffen wir uns von jetzt an gerechnet in einer Stunde. So unauffällig wie möglich. Ihr findet sie, wenn ihr hinter der Straße der Wollhändler in Richtung der Schmiedegasse abbiegt. Vollständige Kampfausrüstung ist angebracht, denn wir wissen nicht, was uns erwartet.“

Von hinten legte ihm Großmeister Rimbald die Hand auf die Schulter und ergänzte: „Templer, denkt daran, wir wissen nicht sicher, dass diese Verschwörung wirklich stattfindet. Genauso wenig wissen wir, ob alle Seoltoir daran beteiligt sind. Ich bezweifele das. Darum: macht Gefangene, wo ihr könnt. Tötet nicht unnötig. Das oberste Ziel ist heute Nacht, zu verhindern, dass durch das Ritual weitere Dämonen nach Hibernia gelangen. Außerdem wollen wir die geplanten Menschenopfer unterbinden. Alles andere ist zunächst zweitrangig.“

Grimmig nickte Phadric. „Nun gut. Die Stunde der Entscheidung hat begonnen. Bildet Gruppen und macht euch auf den Weg. Mögen die Götter mit uns Dunklen Templern sein!“

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #24 am: 21. November 2003, 14:53:05 »
Das Blut des ersten Opfers floss in Strömen in die Schale, die Lord Albron ihm an die aufgeschlitzte Kehle hielt. Der junge Seoltoir, der als erster den Lähmungszauber hatte abschütteln können, hing mit gebrochenem Blick in den Ketten, die ihn noch immer an den Pfahl fesselten, der im Ritualkreis befestigt war. Der Gesang rot gekleideten Portalzauberer war fast ekstatisch, als ihr Oberhaupt sich umdrehte, zum Zentrum des Kreises Schritt und in genau bemessenen Mengen das Blut des Seoltoir auf bestimmte Runen und magischen Symbole tropfen ließ.

Panisch beobachtete Taleea, wie der Anführer der verräterischen Magier die noch in der Schale befindlichen Reste des Blutes genau in der Mitte des Kreises ausgoss und dann zurück trat.

Hätte sie gekonnt, hätte sie voll Angst an ihren Ketten gezerrt, aber Lord Albron hatte sie und die beiden anderen als Opfer vorgesehenen Seoltoir erneut mittels eines Lähmungszaubers bewegungsunfähig gemacht, weil ihn das Jammern und Flehen der Opfer irritiert hatte, als diese verstanden hatten, welches Schicksal ihnen drohte.

Nun stand er innerhalb des Ritualkreises und hob die Arme, leise Beschwörungsformeln murmelnd. Hinter ihm erhob sich düster und abwartend der gewaltige Schatten des Verstümmelten Okabi, dessen Augen im flackernden Licht der Feuerbecken unheimlich funkelten.

Plötzlich entstand in der Mitte des Kreises ein seltsames Flimmern. Eine Art strahlend helle, leicht violett eingefärbte Wand tauchte aus dem Nichts auf. Das vergossene Blut auf dem Boden begann zu rauchen und zu zischen. Erstaunt bemerkte Taleea, dass das Blut sich allmählich auflöste, je strahlender die Wand war. Schließlich war es ganz verschwunden.

Die Wand leuchtete nun so hell, dass das Strahlen in den Augen schmerzte. Inzwischen schrie Lord Albron seine Beschwörungen, der Gesang der anderen Zauberer war fast in ein Kreischen übergegangen.

Auf einmal gab es einen hellen Blitz ... und die Wand war verschwunden.

An ihrer Stelle stand eine riesige Gestalt in der Mitte des Ritualkreises, die fast bis an die Decke ragte. Sie war in eine groteske rote Rüstung gehüllt und trug ein gewaltiges Schwert in Händen. Feurige Augen schauten sich suchend und irritiert um.

„Ein Chton-Ritter“, erklang die triumphierende Stimme Lord Albrons. „Schnell, bindet ihn mit eurem Willen! Er darf keine Zeit haben, sich zu befreien.“

Taleea sah, wie einige der rot gekleideten Portalzauberer vor Anstrengung zu wanken begannen. Zwei sanken schweißüberströmt in die Knie. „Mehr! Mehr! Strengt euch an, ihr Versager“, kreischte Lord Albron.

Der Kopf des Chton-Ritters fuhr herum, wütend hob er das Schwert, als ob er auf die Portalzauberer losgehen wollte, doch dann erstarrte er. Offenbar gelang es diesen allmählich, seinen Geist unter Kontrolle zu bringen. Schließlich ließ der Ritter das Schwert sinken, das Feuer in seinen Augen erlosch zu einem Glimmen.

„Ja! Jaaa!“, brüllte der Oberste der Portalzauberer begeistert. Mit einer Hand zeigte er mit einer herrischen Geste befehlend auf den Chton-Ritter und dann auf die Wand neben dem Verstümmelten Okabi. Mit schlurfenden Schritten marschierte der Dämon aus dem Abgrund der Finsternis gehorsam aus dem Ritualkreis und baute sich neben seinem Artgenossen auf. Dort verharrte er regungslos.

„Er ist vollkommen wahnsinnig“, schoss es Taleea durch den Kopf, als sie Lord Albron beobachtete, der mit Schaum vor dem Mund triumphierend durch den Ritualkreis hüpfte und zusammenhangslose Sätze vor sich hinmurmelte, in denen er seinen Feinden die vollkommene Vernichtung androhte.

Schließlich riss er sich zusammen und sammelte sich. Dann befahl er mit lauter Stimme: „Nun wollen wir den nächsten Dämonen herbeirufen, auf dass unsere Rache noch gnadeloser werde.“

Mit zittriger Stimme flüsterte einer der rot gekleideten Portalzauberer, der schwer atmend an einer der Säulen gelehnt stand: „Oh Mächtiger, bitte nicht. Wir können diese beiden kaum beherrschen. Wir werden nicht in der Lage sein, noch einen dritten zu kontrollieren.“

Mit blitzenden Augen fuhr Lord Albron herum. „Du wagst es, meine Befehle in Frage zu stellen?“ Zitternd keuchte der Zauberer mit angsterfülltem Blick: „Nein, nein, Herr, ich meinte doch nur...“

„Ihr werdet sofort mit dem Ritual beginnen. Wir werden keine Zeit verlieren. Und ihr WERDET stand halten. Habt ihr verstanden?“

Der Zauberer verbeugte sich schicksalsergeben. „Ja, Herr, wir gehorchen.“

Mit einem bösartigen Lachen drehte sich Lord Albron um. „Natürlich tut ihr das. Was auch sonst? Und nun zu dir, mein Täubchen.“

Jegliches Blut wich aus Taleeas Gesicht, als sich der oberste Portalmagier langsam zu ihr umdrehte und mit einem hämischen Grinsen den noch blutigen Dolch aus seinem Gürtel zog.

******

Der Mann im dunklen Mantel verstand nicht viel von Magie. Aber selbst er konnte die gewaltigen magischen Kräfte spüren, die sich unter dem Gildenhaus der Portalzauberer zusammenballten. Das hätte jeder gekonnt, der sich so nah wie er am Gildenhaus aufgehalten hätte. Aber außer ihm war niemand in der dunklen Gasse zu sehen, die an dem Gildenhaus vorbeiführte. Er fluchte laut. Hatten Algon und die anderen etwa nichts unternommen? Sollte er sich so in den drei Freunden getäuscht haben?

Hastig überlegte er, wie er die Situation retten könnte. Er hatte nicht geplant, dass den Portalzauberern wirklich die Zeit gegeben würde, weitere Dämonen zu beschwören.

Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Rasch zog er sich tiefer in den Schatten des nächsten Hausvorsprunges zurück, in den noch nicht einmal das Licht des vollen Mondes drang, der inzwischen über der Hauptstadt Hibernias aufgegangen war.

Erstaunt beobachtete der Mann, wie eine Gruppe dunkel gekleideter Gestalten an seiner Nische vorbeihuschte. Deutlich vernahm er das leise Klappern von Metall und das Knirschen von Leder. Offenbar waren die Gestalten schwer bewaffnet. Er lehnte sich vor und blickte der Gruppe nach. Im Schein des Mondlichtes sah er kurz etwas auf einem Mantel aufblitzen. „Das Knotenkreuz der Dunklen Templer“, schoss es ihm durch den Kopf. An einer Häuserecke blieb die Gruppe stehen. Dann überquerten die Gestalten die Gasse und eilten zum Fuße es kleinen Hanges, der sich unterhalb der Rückseite des Gildenhauses der Portalmagier erstreckte. Sie sammelten sich an einer Stelle, von der der Mann im dunklen Mantel wusste, dass dort der Eingang zu den geheimen Kellergewölben der Seoltoir lag. Ein Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit. „Spät, aber nicht zu spät.“

Wieder erklang leises Klappern und eilige Schritte. Eine weitere Gruppe von düsteren Gestalten näherte sich dem Hügel und traf dort mit den bereits wartenden zuerst Eingetroffenen zusammen.

Mit wachsendem Vergnügen beobachtete der Mann im dunklen Mantel, wie Gruppe um Gruppe von Dunklen Templern eintraf und sich vor der geheimen Pforte zu den anderen gesellte.

Schließlich waren mindestens sechs vollständige Gruppen, die nach alter Tradition aus jeweils acht Mitgliedern bestanden, vor der Pforte versammelt.

Gespannt sah der Mann zu, wie einige der Gestalten sich an der Pforte zu schaffen machten. Dann ertönte ein scharfes Klicken, dass sogar er noch hören konnte. „Amateure“, lachte er leise in sich hinein.

Die Pforte jedoch war offenbar offen. Einer nach dem anderen verschwanden die Dunklen Templer in der Dunkelheit dahinter.

Der Mann im dunklen Mantel grinste. Nun begann der interessante Teil.

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #25 am: 25. November 2003, 11:42:50 »
Nervös wischte sich Algon die klebrigen Fäden der ekligen Spinnenweben aus dem Gesicht, die überall in dem düsteren Gang hingen, der nur von einigen wenigen Laternen, die ein paar Templer in Händen hielten, schwach erhellt wurde.

So leise wie möglich schlich die kleine Templerarmee den Gang entlang. Von ferne war ein düsterer Gesang zu hören, der lauter wurde, je weiter die Templer voran kamen. Plötzlich hob Meister Chili, der Fian, der dem Trupp vorauseilte, einen Arm. Algon und die anderen verharrten reglos. Hinter sich konnte er Felips stoßweise atmen hören. Auch der war offensichtlich sehr nervös.

Gemeinsam mit Riesentroll, einem Lurikeen-Beschwörer, dem Barden Duffies sowie der Druidin Rahel und den Fians Andri und Readon hatten die drei Freunde eine Kampfgruppe gebildet, die nun dicht an dicht im Gang stand und auf die weiteren Befehle wartete. Angeekelt betrachtete Algon die schmierige Wand, von der dünne Rinnsale dunklen Wassers auf den schlüpfrigen Boden liefen.

Plötzlich wurde neben Chili Großmeister Eartai sichtbar, der getarnt voraus geeilt war. Hastig flüsterte er etwas, das Algon aber nicht verstehen konnte. Er konnte jedoch sehen, wie sich Großmeister Rimbalds Gesicht, der auch ganz vorn stand, verdüsterte. Chili flüsterte etwas. Rasch wurde der Befehl nach hinten weitergegeben. „Wir müssen uns beeilen, das Ritual ist in vollem Gange. Schnell vorwärts, aber leise.“

Teslin, der neben Algon stand, knirschte mit den Zähnen und rückte sich den Helm zurecht. An seinem starren Blick konnte Algon erkennen, dass der Elf nicht nur nervös war, sondern auch Angst hatte. Aber das ging Algon ganz genauso. Es war klamm und kalt in dem Gang, trotzdem schwitzte der junge Fian.

Schließlich setzte sich der Templertrupp in Bewegung, schneller als zuvor. Weit voraus konnte Algon einen Lichtschimmer erkennen. Auf einen geflüsterten Befehl hin wurden die Laternen gelöscht. In fast völliger Dunkelheit marschierten die Templer nun auf das Licht am Ende des Tunnels zu, jeweils eine Hand auf der Schulter des Vordermannes. Algon, der hinter dem Fian Readon marschierte, warf ängstliche Blicke nach vorn. Was würde sie erwarten? Ob Taleea noch lebte?

Der Gesang war nun deutlich und laut. Das Licht am Ende des Tunnels flackerte rötlich. Ein letztes Mal verharrten die Templer. Auf ein Zeichen von Großmeister Phadric schlichen die beiden Barden Netos und Ciecus, der erst vor wenigen Tagen nach langer Abwesenheit zu den Templern zurückgekehrt war, nach vorn. Leise erteilte ihnen Großmeister Eartai Instruktionen, beschrieb, wo in dem Raum hinter dem Gangende feindliche Kräfte standen. Dann nickte Phadric und die beiden Barden bewegten sich Schritt für Schritt bis zum Ausgang des Ganges. Dann trat Netos hinaus und verschwand nach links, während Ciecus nach rechts aus dem Gang heraus sprang.

Algon hörte die beiden Barden fast unisono etwas murmeln. Und dann ging alles sehr schnell.

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #26 am: 22. Dezember 2003, 14:56:15 »
Mit angstgeweiteten Augen beobachtete Taleea, wie Lord Albron mit gezogenem Messer immer näher kam. Der Elf hatte ein grausames, aber auch fast entrücktes Lächeln im Gesicht, in seinen Augen glühte der Wahnsinn.

Abgehackt murmelte der Seoltoir düstere Formeln, während er mit rituell genau bedachten Schritten langsam auf Taleea zu kam. Schließlich blieb er vor ihr stehen. Den Opferdolch hielt er Taleea vors Gesicht. „Siehst du, kleine Diebin? Jetzt bekommt dein wertloses Leben doch noch einen Sinn. Du darfst dein Blut für unsere Rache geben.“ Er lachte irre, dann griff er ihr ins Haar und bog ihren Kopf zurück, um ihre Kehle zu entblößen.

Langsam hob er den Dolch.

******

„Jetzt!“ Der Schrei des Barden Netos riss Algon aus seiner angespannten Ruhe. Vor ihm, neben ihm, hinter ihm begannen die Templer auf das Tunnelende zu zu rennen. Auch Algon rannte los, das düstere rote Licht am Ende des Ganges vor Augen. Plötzlich war er hindurch. Vor ihm öffnete sich eine große Kuppelhalle. Die Templer um ihn herum verteilten sich rasch und eilten weiter vorwärts. Doch Algon blieb stehen, gebannt von dem Bild, das sich ihm bot.

Umringt von mehreren großen eisernen Feuerbecken, in denen dunkelrote Flammen loderten, stand eine größere Zahl Gestalten, die in rote Roben gekleidet waren, um einen mit mystischen Zeichen auf den Boden gemalten Ritualkreis. In dem Kreis standen vier Pfähle, an die Körper gekettet waren. Einer der Körper hing schlaff herab. Und an einen der anderen Pfähle war ... Taleea gekettet. Vor ihr stand ein großer Elf, der ihren Kopf an den Haaren zurückgezogen hatte. In seiner erhobenen Hand hielt er einen Dolch, bereit zum Zustechen.

Doch offenbar konnte er sich nicht bewegen. Genau wie die meisten der anderen rotgekleideten Gestalten. Algon meinte zu erkennen, dass sie sich verzweifelt bemühten, sich aus den unsichtbaren Fesseln zu lösen, die die Barden der Templer mit einem Zauber über sie geworfen hatten.

„Im Namen der Dunklen Templer! Ergebt euch, ihr wahnsinnigen Narren!“, röhrte die mächtige Stimme von Rimbald durch die Halle. Algon sah, wie der hochgewachsene Elf, der Taleea in seinem Griff hielt, mühsam seinen Kopf drehte. Offenbar gelang es ihm, sich langsam von dem Hypnosezauber der Barden zu befreien. Mit hasserfüllter Stimme zischte er: „Tötet sie! Tötet sie alle!“

„Ich wusste, dass er das sagen würde“, sagte Laoin, der kleine Lurikeen-Beschwörer, der neben Algon stand, mit einem befriedigten Auflachen. Mit einem kalten Lächeln vollführte er eine komplizierte Geste mit den Händen und sprach ein einziges, unverständliches Wort. Um einen nicht weit entfernt stehenden Mann in roter Robe entstand ein kurzer Flammenkreis und Algon hatte – warum auch immer – das Gefühl, dass der Mann auf einmal äußerst empfindlich gegenüber Hitze war.

In diesem Augenblick wurde der Mann praktisch gleichzeitig von drei Lichtblitzen getroffen, die von dem Eldritch Sam, von Laoin und Noxx, einem weiteren Beschwörer, geschleudert worden waren.

Mit einem hellen Kreischen ging der Mann buchstäblich in Flammen auf. Einen Moment lang loderte er wie eine lebendige Fackel, dann brach er zusammen. Entsetzt beobachtete Algon, wie die drei Zauberer sofort ein neues Ziel auswählten und erneut mit ihren grausamen Zaubern zuschlugen.

Unterdessen waren in der gesamten Halle erbitterte Kämpfe ausgebrochen. Die Rotgekleideten, denen es gelungen war, sich aus dem Zauber der Barden zu lösen, griffen die Templer verzweifelt an. Zum Teil mit bloßen Händen. Doch manchen gelang es auch, Kampfzauber in Richtung der Ordenskrieger zu schleudern, die üble Verwundungen hinterließen.

Anders als hinter den Portalzauberern standen jedoch hinter den Templern Druiden und Barden, die mit Heilzaubern ihre Kameraden unterstützen. Und so neigte sich das Blatt allmählich zugunsten der Dunklen Templer. Einer nach dem anderen wurden die Seoltoir getötet oder so schwer verwundet, dass er nicht mehr kampffähig war.

Algon versuchte verzweifelt, zu Taleea durchzubrechen. Sie hing noch immer reglos in den Ketten des Pfahles. Allerdings hatte der Elf sie losgelassen und stand nun schreiend neben ihr, während er versuchte, mit hektischen Bewegungen die Abwehrbemühungen seiner Zauberer zu koordinieren. Als ihm klar wurde, dass dies ein hoffnungsloses Unterfangen war, stieß er einen gräulichen Fluch aus. Dann intonierte er einen kurzen Gesang und winkte in eine Ecke der Halle.

Plötzlich hörte Algon, der immer noch mit seinem Schwert nach rotgekleideten Seoltoir schlug, die sich ihm in den Weg warfen, erschrockene Schreie. „Achtung!“, „Vorsicht!“

Verwirrt suchte er mit Blicken nach der Ursache der neuen Unruhe. Dann überkam ihn ein Schauder. Zwei riesige Gestalten warfen sich in den Kampf mit den Templern. In einer erkannte er den Verstümmelten Okabi, der schon einmal sein Gegner gewesen war. Der andere war ohne Frage einer der verfluchten roten Chton-Ritter aus dem Abgrund der Finsternis. Mit einem gigantischen Schwert schlug dieser nach den Ordenskriegern und fegte die Beschwörerin Vitra mit einem überraschenden Hieb von den Beinen. Nur durch eine rasche Rückwärtsrolle konnte sie sich vor dem gewaltigen Fuß des Ritters retten, der mit grausamer Wucht genau an der Stelle aufschlug, an der sie noch Augenblicke zuvor gelegen hatte.

Bevor er die Elfin mit seinem Schwert angreifen konnte, stürzten sich gleich mehrere Templer auf ihn und lenkten ihn ab. Während ein Teil der Ordenskrieger mit den letzten verbliebenen Seoltoir kämpfte, bildeten sich um die beiden Dämonen Kampfgruppen, die sich rasch rings um die Monster verteilten. Effizient lenkten Fiane und Champions die Aufmerksamkeit der Ungeheuer auf sich, während andere Templer von den Seiten und von hinten aus angriffen. Diese Gegner waren keine hilflosen Opfer, denen die Dämonen in der Dunkelheit auflauern konnten. Dies waren kampferprobte Kämpfer, die schon viele Ungeheuer aus dem Abgrund der Finsternis vernichtet hatten und genau wussten, was sie taten. Und so bluteten die beiden Monster schon nach wenigen Augenblicken aus zahlreichen Wunden. Im Hintergrund lauerten mehrere Kampfzauberer der Templer und warteten darauf, mit ihren Energiezaubern in den Kampf einzugreifen. Druiden und Barden griffen mit ihren Heilzaubern in die Kämpfe ein und kümmerten sich um die Verwundeten.

Algon erfüllte der Anblick mit Stolz. Die Monster konnten einem schon fast leid tun, so hilflos wirkten sie gegen die überlegt und abgestimmt vorgehenden Templer. Dies sah wohl auch der rot gekleidete Elf so, denn seine gekreischten Befehle wurden zusehends verzweifelter und schriller.

Plötzlich erstarrte er. Sein Gebrüll brach ab, als er verwirrt auf seine Brust starrte, aus der mit einem Mal die Spitzen von zwei Klingen hervorschauten. Hinter ihm stand Großmeister Phadric, der sich getarnt in seinen Rücken geschlichen hatte und ihm mit einem heimtückischen Stoß seine Beiden schmalen Waffen in den Rücken getrieben hatte. Mit einer merkwürdig anmutenden Geste griff der Elf nach den beiden Klingenspitzen, so als könne er kaum begreifen, was gerade geschah. Da drehte der Lurikeen-Nachtschatten seine Waffen mit einer berechnenden Bewegung in der Wunde um. Ein gräuliches Keuchen drang aus der Kehle des Elfen. Dann erschlaffte er und brach zusammen. Langsam zog Phadric seine Klingen aus dem Toten und blickte sich um. Er erblickte Algon und winkte ihn heran.

Algon stürzte vorwärts und rannte zu dem Pfahl, an dem Taleea noch immer hing. Verzweifelt untersuchte er sie, konnte jedoch keine offenen Wunden entdecken. Trotzdem hing sie reglos in den Ketten, die sie fesselten. Als er schließlich nicht weiter wusste, hob Algon ihr Gesicht an und gab ihr eine sanfte Ohrfeige. „Wach auf, Taleea. Bitte! Komm, wach auf!“, flehte Algon. Plötzlich riss Taleea die Augen auf und blickte ihn wild an. „Gibst du mir noch eine Ohrfeige, dann ersäuf‘ ich dich im Lough Dergh, verlass dich drauf“, nuschelte sie. Dennoch zeigte sich grenzenlose Erleichterung in ihrem Blick.

Algon konnte nicht anders. Er musste schallend lachen.

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #27 am: 22. Dezember 2003, 16:52:31 »
Zardozz, der Firbolg-Druide, blickte von dem am Boden liegenden Seoltoir auf, den er kniend untersuchte. „Nichts mehr zu machen. Der ist bei den Göttern“, sagte er zu Großmeister Eartai, der fragend zu ihm herabblickte. Der Waldläufer zuckte mit den Schultern. „Nun gut. Ich denke, sie werden nicht sonderlich gnädig mit ihm sein.“ Dann drehte er sich zu Mocodahmas um, einem hoch gewachsenen Champion, der einen weiteren verwundeten Portalzauberer in die Ecke der Halle schleppte, wo die Templer eine Art provisorisches Lazarett eingerichtet hatten. Die Heiler des Ordens bemühten sich hier um die verwundeten Templer und überlebenden Seoltoir gleichermaßen. Bekümmert deutete der Champion mit einem Kopfnicken auf den Körper des jungen Portalzauberers, der mit durchschnittener Kehle ein Stück weiter lag. „Leider konnten wir für den armen Teufel nichts mehr tun. Möge Dagda Lord Albron und seine Brut in ihrem Kessel kochen.“ Eartai nickte. „Wir können von Glück sagen, dass die drei anderen Opfer überlebt haben.“ Er schaute zu Felips und Teslin, die sich um Taleea und die beiden anderen ehemaligen Gefangenen kümmerten. Alle drei machten noch einen äußerst erschütterten Eindruck von dem, was sie erlebt hatten.

„Das Gildenhaus ist gesichert“, verkündete in diesem Moment der Eldritch Sensor, der die Treppe herabkam, die in das eigentliche Gebäude hinaufführte. „Niemand kommt raus, niemand geht rein. Wir haben alle Seoltoir, die wir finden konnten, in der großen Eingangshalle zusammengetrieben. Ich glaube aber, dass die meisten von ihnen gar keine Ahnung hatten, was hier unten vor sich ging.“

„Das denke ich auch“, mischte sich Phadric ein, der gerade Lord Albrons Leiche durchsucht hatte. „Der Bastard war bereit, seine eigenen Leute zu Opfern, um diese Bestien zu befreien.“ Er deutete auf die Leichen der zwei Monster aus dem Abgrund der Finsternis, die von den Templern buchstäblich in Stücke gehauen worden waren und nun zusammengebrochen am Rande des verwischten  Ritualkreises lagen. „Hast du etwas gefunden?“, fragte Eartai. Phadric nickte. „Diese Brosche und den Schlüssel hier.“ Er zeigte den Umstehenden die Brosche. Die Diamanten, die darauf angebracht waren glitzerten kalt. Es zeigte eine Reiterin auf einem Pferd, das zu kleinen, aus kostbaren Edelsteinen gebildeten Sternen hinaufsprang. Als die Hohe Templerin Caderra, die gerade zu dem kleinen Kreis, der sich um Phadric gebildet hatte, hinzutrat, die Brosche sah, keuchte sie überrascht auf.

„Wisst ihr, was das ist?“ Die anderen Templer blickten sie erstaunt an. „Nein“, antwortete Eartai schließlich. „Ist das Ding magisch?“. „Das auch“, antwortete Caderra. „Aber das ist nicht das wichtigste an dem Stück. Das ist die berühmte Brosche „Der Ritt der Göttin“. Sie zeigt die Kriegsgöttin auf ihrem Pferd. Jahrhunderte lang war sie das Symbol der Stallmeisterzunft, bis sie vor einigen Jahrzehnten verloren ging. Ihr Götter, hätten die Stallmeister gewusst, dass die Seoltoir sie hatten, dann hätten sie deswegen einen Krieg angefangen.“

„Aber warum? Was macht sie so bedeutend?“, fragte Sensor. Caderra zuckte mit den Achseln. „In erster Linie ihr Symbolwert. Als magischer Fokus verleiht sie lediglich mehr Magiekraft, aber nicht besonders viel. Ich denke mal, die meisten Magier von uns haben mächtigere magische Juwelen. Aber das ist unerheblich. Sie ist ein Symbol. Die Stallmeister werden jubilieren.“

Eartai grinste schief. „Es kann nie schaden, mächtige Freunde zu haben. Mal sehen, was sie sagen, wenn wir ihnen das Ding zurückgeben.“

In diesem Moment kam Algon zurück, der mit einigen anderen Templern die unterirdischen Gewölbe durchsucht hatte. „Eminenzen? Darf ich stören.“ Eartai nickte ihm zu. „Was habt ihr gefunden?“ „Wir haben noch einige Gänge gefunden, die aber fast alle nirgendwohin führten. Nur einer der Gänge endete in einer Kammer, in der einige Steinsarkophage stehen. Offenbar war das das Lager des Okabi. Sein Blut ist überall. Ein anderer Gang endet an einer Tür. Sie ist massiv und verschlossen. Sollen wir sie aufbrechen?“

Großmeister Phadric grinste ihm zu. „Bevor ihr euch verausgabt, testen wir doch zunächst mal den Schlüssel hier. Vielleicht passt er ja.“

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #28 am: 23. Dezember 2003, 14:56:23 »
„Das müssen ja Hunderte von Büchern sein“, staunte Teslin, der neben Algon in dem Raum stand, den Algon mit dem Schlüssel, den er von Phadric erhalten hatte, geöffnet hatte.

In dem Raum standen mehrere schwere Eichenholzregale, in denen endlose Reihen von großen, in Leder gebundenen Büchern standen. Außer den Regalen stand in dem Raum noch ein massiver Schreibtisch, auf dem sich ebenfalls Bücher türmten.

Algon trat an den Schreibtisch und entzündete die hohen Kerzen, die dort standen. Als er genug Licht hatte, nahm er das Buch, das zuoberst auf dem Bücherhaufen auf dem Tisch lag und begann zu blättern.

Erstaunt runzelte er die Stirn. Endlose Zahlenkolonnen reihten sich aneinander. Neugierig blickte Teslin ihm über die Schulter. „Was ist das?“, fragte er. „Ich weiß noch nicht“, antwortete Algon nachdenklich. „Schau mal hier: das könnte ein Datum sein.“ „Stimmt“, sagte Teslin. „Das ist das Datum von gestern.“ Algon rechnete nach. „Da hast du Recht. Das ist tatsächlich das Datum von gestern. Und das hier...“ Er fluchte. „Wer auch immer das geschrieben hat, hatte eine absolute Sauklaue.“ Er vertiefte sich in das Buch und hielt es näher an eine der Kerzen. „Das muss ‚Druim Ligen‘ heißen.“ Teslin nickte nachdenklich. „Das könnte sein. Und dann wäre das dort... ‚Domnann‘. Und hier: ‚Hadrians Wall‘.“

Algon blickte auf. „Weißt du, was ich glaube?“ „Nein, was?“ „Das könnte eine Übersicht über die Einnahmen der Seoltoir sein. Siehst du? In all diesen Orten steht ein Portalzauberer.“ Teslin runzelte die Stirn. „Hm. Aber das würde bedeuten, dass die Portalzauberer gestern in Domnann fast 200 Goldstücke eingenommen hätten. An einem einzigen Tag.“ Algon nickte langsam. „Und schau dir mal die Zahl für Druim Ligen an. Wahnsinn.“ „Ja. Rechne das mal alles zusammen... das sind ja ungeheure Summen.“ Algon blätterte einige Seiten zurück. „Jeden Tag hast du hier solche Summen. Mal etwas weniger, mal etwas mehr.“ Er stockte. „Was ich nicht verstehe, das ist diese Spalte, die neben den Einnahmen steht. Hier: zum Beispiel gestern. In der einen Spalte stehen knapp 200 Goldstücke als Einnahme in Domnann und rechts daneben 75 Goldstücke in der anderen Spalte.“ Nachdenklich ließ er das Buch sinken. „Sag mal Teslin, was geschieht eigentlich mit den Einnahmen der Seoltoir?“ Der Elf zuckte mit den Schultern. „Soweit ich weiß, müssen sie den größten Teil ans Reich abführen. Damit werden dann die Grenzfestungen und die Reichswache bezahlt und solche Dinge.“

Langsam keimte in Algon ein Verdacht. „Teslin, ich glaube, diese Bücher hier, das ist nicht die offizielle Buchführung.“ Er packte sich das Buch unter den Arm und schob seinen Freund aus dem Raum. „Komm! Wir müssen etwas überprüfen.“

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Der Ritt der Göttin (Algon Teil 2)
« Antwort #29 am: 23. Dezember 2003, 16:47:58 »
„In diesem Zimmer werden die Einnahmen in die großen Hauptbücher eingetragen, die von unseren Portalzauberern jeden Tag eingenommen werden.“ Der junge Seoltoir, der Algon und Teslin die Tür zum dem Zimmer im ersten Stock des Gildenhauses der Seoltoir geöffnet hatte, blickte die beiden Templer unsicher an. Er gehörte zu den Angehörigen der Gilde der Portalzauberer, die von den Dunklen Templern in ihrem Gildenhaus festgesetzt worden waren, das sich über den Katakomben befand, in denen der Kampf stattgefunden hatte.

„Wer ist dafür verantwortlich?“, wollte Algon von dem jungen Mann wissen. Der zögerte. „Red schon!“, herrschte ihn Teslin an. Hastig stieß der Seoltoir hervor: „Das war Meister Telek.“ „Und wo ist dieser Meister Telek?“, fragte Algon ungeduldig. „Er war ... bei denen unten.“

„Hm. Und sonst hat sich keiner um die Abrechnung gekümmert?“ „Nur Lord Albron selbst. Er hat allen außer Meister Telek verboten, sich darum zu kümmern.“ Algon warf Teslin einen Blick zu. „Warum wohl?“

Die beiden Templer sahen sich in dem Raum um, während der verängstigte Seoltoir in der Tür stehen blieb, unschlüssig, ob er gegen das Eindringen in das Zimmer protestieren sollte.

Nach kurzer Zeit ertönte ein triumphierendes „Ha!“ von Teslin. „Hast du etwas gefunden?“, fragte Algon. „Ja, hier. Das ist das Buch, in dem die Einnahmen der letzten Tage eingetragen sind.“ „Ah, sehr gut. Lass sie uns mit den Zahlen aus dem Buch aus dem Keller vergleichen.“

Die beiden Templer legten auf einem Tisch die beiden Bücher nebeneinander und starrten auf die langen Zahlenreihen. Schließlich lachte Teslin leise auf. „Nicht zu fassen. Die Seoltoir sind die größte Diebesbande in Hibernia.“

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